Ev. Kirchbautag und Institut für Kirchbau: St. Petri Kirche Lübeck
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St. Petri Kirche Lübeck
Aus: Kirchen in der Stadt. Band 2 - Beispiele und Modelle Hg. von Schwebel/Ludwig. Marburg 1996. S. 141-155.

Mmatthias Ludwig

Erbauungszeit: ca. 1220-1530; Kriegszerstörung 1942
Architekt: Namen von mittelalterlichen Baumeistern sind nicht überliefert.
Wiederaufbau: 1982-87
Architekten: Kirchenbauamt des Kirchenkreises Lübeck.


Bau- und Gemeindegeschichte

Mit dem Aufstieg Lübecks zu einer der bedeutendsten mittelalterlichen Handelsstädte im deutschsprachigen Raum entstand - in Insellage zwischen den Flüssen Wakenitz und Trave - eine gewaltige Festung, die heutige Lübecker Altstadt. Sehr früh muß dabei auch St. Petri auf dem steil zur Trave abfallenden Petrihügel erbaut worden sein; 1170 ist sie neben der Marienkirche erstmals urkundlich erwähnt.

Anstelle eines ursprünglich kleineren Kirchenbaues wurde in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts eine dreischiffige spätromanische Hallenkirche errichtet. Deren weitere Entwicklung ist nun eng verbunden mit dem Ausbau Lübecks zur Freien Reichsstadt und zum Haupt der Hanse. So wurde auch St. Petri, Gemeindekirche einer wohlhabenden Kaufmannschaft, bald von einer grundlegenden Umgestaltung erfasst: Um 1290 begann der Bau eines repräsentativen dreischiffigen gotischen Hallenchores, der bis Mitte des 14. Jahrhunderts auch einen Neubau des Langhauses nach sich zog. Der sich daran anschließende Umbau der Westfront kam indes nicht zum Abschluss; stattdessen stockte man ab 1414 den alten romanischen Westturm auf.

Bereits vom 14. Jahrhundert an wurden dem Kirchenschiff eine Reihe von Kapellen angefügt, deren Ausbau bis in das zweite Viertel des 16. Jahrhunderts andauerte und schließlich zur Ausbildung einer fünfschiffigen Hallenkirche führte. Die der südlichen Turmseitenkapelle vorgelagerte Marientidenkapelle entstand 1469. Mit Einführung der Reformation in Lübeck 1529/30 wurde auch die St. Petri-Gemeinde evangelisch. In den folgenden Jahrhunderten kam es zu einer Reihe von Umgestaltungen des Innenraumes, während erst die Restaurierungsarbeiten des 19. Jahrhunderts auch den Außenbau veränderten.

In der Nacht zum 29. März 1942 wurde St. Petri bei schweren Bombenangriffen erheblich beschädigt: So verlor die Kirche nicht nur den gesamten Dachaufbau samt dem rund 50 Meter hohen Turmhelm, sondern brannte auch im Inneren völlig aus. Immerhin hielten die Gewölbe dem Angriff stand, die gesamte Ausstattung des Innenraums war jedoch unwiederbringlich verloren.

Baubeschreibung

Im Laufe der Jahrhunderte wurde St. Petri zu einer fünfschiffigen gotischen Backstein-Hallenkirche von fünf Jochen Länge mit polygonalem Chorschluss und Mittelturm im Westen ausgebaut. Ein schlichtes Mauerwerk aus maschinell gefertigten Ziegeln verdeckt jedoch seit dem 19. Jahrhundert die zahlreichen Baunähte sowie die meisten baugeschichtlichen Details der Fassade. So wird der Baukörper denn auch nur noch durch seine Stützpfeiler und die Reste eines das Traufgesims zierenden Dreipassbogenfrieses gegliedert. Auch das Maßwerk der Fenster ist mit einfachem Stützbogenmaßwerk äußerst schlicht gehalten. Das vielfach gebrochene Choräußere wird eingefasst von der zweigeschossigen Sakristei auf der Südostecke und dem Abschluss des äußeren nördlichen Seitenschiffes. Beherrscht wird der Bau von einem mächtigen, 108 m hoch aufragenden Westturm, dessen schlanke, von vier Ecktürmchen begleitete Spitze eine wichtige Dominante innerhalb der vieltürmigen Silhouette der Lübecker Altstadt darstellt.

Der Innenraum mit seinen Grundmaßen von ca. 40 m Länge, 30 m Breite und 18 m Höhe bietet ein über Jahrhunderte hin gewachsenes Raumgefüge, dessen fünf gleich hohe und fast gleichbreite Schiffe zu einer Gleichwertigkeit aller Raumteile führen. Das Mittelschiff ist nur durch seine Lage - als Symmetrieachse - hervorgehoben. Die achteckigen Pfeiler, die dem Raum sein Gepräge geben, sind indes in ihrem Grundriss verschiedenartig und geben sich damit als Zeugnis einer komplizierten Baugeschichte zu erkennen. Teile der heutigen Westwand verweisen darüber hinaus noch auf die Baugestalt des romanischen Vorgängerbaus.

Die Innenausstattung der Kirche wurde im Zweiten Weltkrieg fast vollständig vernichtet. Lediglich der steinerne barocke Taufstein - zerbrochen, aber wiederherstellbar -, einige Messing-Wandarme, eine Messingkrone sowie etliche Grabplatten haben die Zerstörungen vom März 1942 überstanden.

Städtebauliches Umfeld und sozialer Kontext

Auf dem Petrihügel, der höchsten Erhebung der Altstadtinsel, liegt die St. Petri-Kirche mit ihrem weithin sichtbaren Turm an der südwestlichen Ecke einer einst größeren Marktplatzanlage, gegenüber von St. Marien und Rathaus. Die alten Kaufmannshäuser in ihrer Umgebung fielen jedoch Bombenangriffen im Zweiten Weltkrieg zum Opfer. Infolgedessen wird das Gebiet um St. Petri heute in erster Linie von schlichten Nachkriegsbauten der fünfziger Jahre bestimmt, durch die das Gebiet um Rathaus, St. Marien und St. Petri seinen einstigen Charakter weitgehend verloren hat. Allerdings stellt dieses Viertel mit Fußgängerzonen, Kauf- und Parkhäusern heute das Hauptgeschäftszentrum Lübecks dar, und mit St. Marien, Rathaus, Holstentor und Niederegger-Marzipan finden sich hier auch die Hauptattraktionen des Fremdenverkehrs.

Ganz anders präsentiert sich dagegen die von den Hauptströmen des Tourismus eher vernachlässigte, städtebaulich dafür umso interessantere nördliche und östliche Altstadt, die im Krieg unzerstört blieb. So gehört dieser Bereich heute zu den bedeutendsten Altbauquartieren der alten Bundesrepublik und wurde dementsprechend - mit weiteren Teilen der Lübecker Altstadt - auch in die "UNESCO-Liste des Weltkulturerbes" aufgenommen.

Im Hinblick auf ihre Sozialstrukturen hat sich das Bild der Lübecker Altstadt seit Ende des Zweiten Weltkriegs ebenfalls erheblich gewandelt. So entstanden anstelle der kriegszerstörten Wohnbauten eine Vielzahl von Geschäfts- und Bürohäusern, während die bis zu den Kriegsereignissen hier siedelnde Bevölkerung größtenteils in die Außenstadtteile abwanderte.

Aber auch in den Altbauquartieren veränderten sich seit dem Krieg die sozialen Strukturen. Dabei kam es hier zu einer erheblichen Vernachlässigung der Bausubstanz, da viele der alteingesessenen Bewohner lieber in Neubauwohnungen am Stadtrand übersiedelten, als in die Altbauten weiter zu investieren. Leerstehende Wohnungen wurden dann von sozial schwachen Bevölkerungsteilen, vor allem Gastarbeitern, übernommen, die auf billigen Wohnraum angewiesen waren. Infolgedessen drohte Teilen der Altstadt schließlich der völlige Verfall.

Doch mit dem Denkmalschutzjahr 1975 und dem Aufkommen von Bürgerinitiativen, die sich für den Erhalt der alten Häuser einsetzten, traten diese Bereiche wieder ins Blickfeld der Öffentlichkeit und werden seitdem Zug um Zug saniert. Dies geht allerdings einher mit der Abwanderung vieler sozial schwacher Bewohner, die sich die Mieten nach der Sanierung nicht mehr leisten können. Es folgen gut situierte Kreise, die sich hier eine Stadtwohnung - oft als Zweitwohnung - einrichten.

Darüber hinaus geht aber auch in der Lübecker Altstadt - wie in vielen anderen Städten der Bundesrepublik - fortlaufend Wohnraum zugunsten von Geschäfts- und Büroräumen in der City verloren. Infolgedessen sind die Bevölkerungszahlen in der Altstadt seit dem Zweiten Weltkrieg stetig gesunken. So leben heute nur mehr rund 6000 Menschen auf der Altstadtinsel, wodurch auch die Gemeindegliederzahlen der Kirchengemeinden in der Innenstadt erheblich zurückgegangen sind.

Voraussetzungen für den Wiederaufbau

Diese Entwicklung zeichnete sich indes bereits unmittelbar in den ersten Nachkriegsjahren ab, so dass schon zu Beginn der fünfziger Jahre der Fortbestand der fünf bestehenden Innenstadtgemeinden in Frage gestellt werden musste. Nach intensiver Diskussion fiel 1955 der Beschluss, die St. Petri-Gemeinde aufzulösen und ihre Gemeindeglieder auf Marien- und Domgemeinde umzuverteilen. Damit hatte die St. Petri-Kirche jedoch ihre ureigenste Funktion, nämlich die einer Gemeindekirche, verloren.

Das Gebäude selbst präsentierte sich zu diesem Zeitpunkt noch immer als Kriegsruine. Immerhin nach dem Einsturz eines der Gewölbefelder im Jahre 1949 mit einem Notdach versehen, schien die Zukunft des Bauwerkes vor dem Hintergrund der Gemeindeauflösung jedoch höchst gefährdet. Allerdings hatte die Kirche über alle Zeiten hinweg ein wichtiges Merkmal in der Lübecker Stadtansicht dargestellt, so dass ein Erhalt des Gebäudes aus städtebaulichen Gründen auch weiterhin geboten schien.

Ein Bürgerkomitee, das sich für die Wiedergewinnung der kriegszerstörten Stadtsilhouette einsetzte, wandte sich denn auch dem vollständigen Wiederaufbau des Petri-Kirchturms zu und erreichte - nach der Wiederherstellung des 1935 in den Turm eingebauten Personenaufzuges und dem Neubau einer Aussichtsplattform auf 50 m Turmhöhe - bis 1962 die Rekonstruktion der hohen Turmspitze.

Zugleich wurde auch heftig um den Erhalt und Wiederaufbau des Kirchenschiffes gerungen. Schließlich gelang es aber, den Baubestand an Außenmauern und Gewölben nachhaltig zu sichern, Mitte der sechziger Jahre auch das Hauptdach des Gebäudes wiederaufzurichten und bis 1973 sogar eine Neuverglasung aller Fenster zu erreichen.

Fraglich blieb indes die künftige Nutzung des Bauwerkes. Zwar hatte das Lübecker Kirchenbauamt schon 1951 einen Wiederaufbau als Konzert- und Kongresshalle vorgeschlagen, selbst eine Verwendung als Kaufhaus oder als Teil der Lübecker Musikhochschule wurde erwogen, und zwischenzeitlich dachte man so gar an einen Teilabriss zugunsten eines Straßendurchbruchs, doch eine Entscheidung verzögerte sich von Jahr zu Jahr. So blieb der Innenraum von St. Petri letztlich als Ruine liegen, seine Wiederherstellung schien späteren Generationen als Aufgabe vorbehalten.

Nutzungs- und Finanzierungskonzept

Erst als sich der Abschluss der Wiederaufbauarbeiten am Dom abzuzeichnen begann und zur gleichen Zeit der Evangelische Kirchbautag für 1979 nach Lübeck vergeben wurde, trat das Schicksal von St. Petri wieder verstärkt in das öffentliche Interesse. So wurde im Rahmen der Vorbereitung dieser Tagung ein Ideenwettbewerb für die zukünftige Nutzung von St. Petri angeregt, zu dem zehn namhafte Architekturbüros aus dem gesamten Bundesgebiet aufgerufen wurden.

Der für den Wettbewerb einberufene Ideenausschuss hatte dazu einen Katalog für denkbare künftige Nutzungen von St. Petri erarbeitet, der die Öffnung der Kirche im Hinblick auf mehrere Zielbereiche und Zielgruppen wie städtische Öffentlichkeit, Touristen, junge Leute, junge Familien, Kinder, Bildende Künstler und Musiker vorschlug. Streng waren die Auflagen der Denkmalpflege: Eine vertikale und/oder horizontale Teilung des Raumes war von vornherein ausgeschlossen.

Die Entwürfe der Architekten zeigten vielfältige Nutzungsmöglichkeiten für St. Petri - als Raum für Ausstellungen, Diskussion, Tanz, Spiel, Musik, Theater und Film mit Cafeteria/Restaurant, Büros, einem Kindergarten, Gruppenräumen, Galerie, Atelier, Lese- und Teestube. Ein Entwurf sah sogar den Ausbau des Dachgeschosses vor - mit Wohnkojen, die einem "Ostseekolleg", einer Sommerakademie für Denkmalpflege, dienen sollten. Auch eine Nutzung durch die Lübecker Musikhochschule war darin angedacht. Keine der vorgestellten Arbeiten konnte die verantwortlichen Gremien jedoch soweit überzeugen, dass sie deren Umsetzung empfehlen wollten. Vielmehr hatte der Abschluss des Ideenwettbewerbs die Erkenntnis gebracht, dem Raum dann am besten gerecht zu werden, wenn man ihn völlig unverstellt, d. h. ohne feste Einbauten, wiederherrichtete.

So wurde die Wiedergewinnung des Raumes fortan oberstes Ziel, die Frage einer eindeutigen künftigen Nutzung schien indes nicht mehr vordringlich: Das gewaltige Interesse am Wiederaufbau von St. Petri während des Kirchbautages, aber auch der für den Wettbewerb aufgestellte Nutzungskatalog hatten gezeigt, dass sich eine Nutzung der Kirche durch die Lübecker Öffentlichkeit fast von selbst ergeben würde, wenn sie denn erst einmal wiederhergestellt wäre.

Demzufolge stimmte der Kirchenkreis Lübeck im Jahre 1980 der Wiederherstellung des Innenraumes von St. Petri zu, allerdings nur unter geringstem Einsatz eigener finanzieller Mittel. Ein baldiger Baubeginn lag damit in weiter Ferne, doch es gelang, Bund, Land und Nordelbische Kirche für eine Beteiligung an den Kosten zu gewinnen. Zu einem wesentlichen Faktor für die Bereitstellung der notwendigen Gelder etablierte sich auch der 1983 von Stiftern und Sponsoren ins Leben gerufene "St. Petri-Bauverein", mit dessen Hilfe es schließlich gelang, die im Jahre 1982 begonnenen Arbeiten zur Wiederherrichtung der Kirche bis 1987 abzuschließen.

Beschreibung der Wiederaufbaumaßnahmen

Die Arbeiten zur Wiederherstellung des Innenraumes von St. Petri begannen zunächst mit der sorgfältigen Restaurierung der in Kriegs- und Nachkriegszeit in weiten Bereichen ausgeglühten und verwitterten Backsteinarchitektur. Die Stuckkapitelle waren zum Teil so stark zerstört, dass sie ersetzt werden mussten. Reste von Wand- und Gewölbemalereien wurden konserviert und - soweit finanziell möglich - restauriert. Zugleich erhielt der Raum auch neue Versorgungsleitungen sowie eine neue Heizungsanlage. Im Bereich der ehemaligen Marientidenkapelle wurden Räume für Sanitäranlagen geschaffen, außerdem wurden die Fundamente des Bauwerkes zusätzlich gesichert.

Im Anschluss an die Sanierungsmaßnahmen wurden Wände und Gewölbe mit einer neuen Kalkschlämme überzogen und mit einem mehrfach aufgetragenen weißen Kalkanstrich versehen. Dem folgte der Einbau aller nötigen Installationen wie Beleuchtungs- und Beschallungsanlagen und einer kleinen, aus Holzbauteilen gefertigten Küchenzelle. Ein neuer Fußbodenbelag, bestehend aus großen quadratischen Ziegelplatten, wurde verlegt und die Treppenanlagen mit Stufen aus silbergrauem Gotland-Kalkstein versehen. Aus schmiedeeisernen Elementen schuf man Abgitterungen, und alte Windfangelemente grenzen schließlich einen Teilbereich des äußeren nördlichen Seitenschiffes als Küstersakristei ab. In der nördlichen Turmkapelle wurde außerdem ein Kiosk für den Verkauf von Eintrittskarten für die Turmauffahrt, Kirchenführern und Postkarten errichtet.

Insgesamt wurden die Arbeiten - ganz im Sinne des Wiederaufbaubeschlusses - allein nach denkmalpflegerischen und gestalterischen Gesichtspunkten und ohne jede Nutzungsvorgabe durchgeführt. Infolgedessen, aber auch um Kosten zu sparen, war eine nur sehr bescheidene Erstausstattung des Raumes möglich. So bilden ein großer, achteckiger Altartisch aus Eichenholz, ein schweres Lesepult sowie 1200 Klappstühle die gesamte Ausstattung des Raumes, die in ihrer Gesamtheit flexibel ausgeführt wurde.

Spätere Überlegungen, die sich seit 1987 aus praktischen Erfahrungen, aber auch durch Zuwendungen von Sponsoren und Stiftern ergeben haben, führten inzwischen zu einer weiteren Möblierung des Raumes. So wurde der Eingangsbereich im äußeren nördlichen Seitenschiff durch niedrige Glaswände abgetrennt, um das Kirchenschiff gegenüber dem durch den Zugang zum Turmaufzug stark frequentierten Eingangsbereich abzuschirmen. Für den Kirchenraum selbst wurde eine Orgel angeschafft, die - auf Luftkissen geführt - flexibel im Chorbereich bewegt werden kann.

Daneben wurde auch der alte barocke Taufstein inzwischen restauriert, ein Platz für seine Aufstellung wird derzeit noch diskutiert. Möglicherweise wird er künftig in der Turmeingangshalle stehen, die - voraussichtlich 1996 - durch einen Umbau des Aufzugsschachtes wieder zugänglich gemacht werden soll. Damit wäre dann auch der Weg durch das alte Westportal der Kirche wieder frei, so dass auch die davor liegende kleine Grünfläche in das Erlebnis St. Petri einbezogen werden könnte.

Vorstellung der neuen Nutzungen

Mit der Einweihung der Kirche am 12. September 1987 entstand - in Trägerschaft des Kirchenkreises - die erste Stadtkirche in Deutschland, die - völlig losgelöst von jeder Parochie - ihre Aufgabe als Kirche für alle Bürger der Stadt versieht.

Für die Koordination der ständigen Arbeit an St. Petri wurde eine halbe Pastorenstelle eingerichtet, die mit einer halben Gemeinde-Pastorenstelle an St. Marien gekoppelt ist. Ihr wurde ein Team zur Seite gestellt, das inzwischen weitere sechs - mehrheitlich teilzeitbeschäftigte - Personen umfasst, die für die Arbeitsbereiche Veranstaltungskoordination, Musik, Kunst (seit 1992 von einem weiteren Pastor mit einem Drittel seiner Dienstzeit versehen), Finanzen, technische Organisation und Küsterdienst zuständig sind.

Dieses St. Petri-Team ist seinerseits einem Kuratorium unterstellt, das bereits etliche Monate vor Wiedereinweihung von St. Petri durch den Vorstand des Lübecker Kirchenkreises berufen wurde. Verantwortlich für Nutzung und Programm von St. Petri gehören ihm neben dem Propst als Leiter und den beiden an St. Petri mitarbeitenden Pastoren wichtige Persönlichkeiten des Lübecker Kulturlebens an. Dies sind u. a. Repräsentanten von Musikhochschule, Theater, Stadtmuseum und städtischem Amt für Kultur, aber auch weitere für St. Petri wichtige Pastoren und Laien wie z. B. die Kirchenvorsteher von St. Marien und Dom oder Vertreter der übergemeindlichen Dienste des Lübecker Kirchenkreises.

Die offizielle Aufnahme der stadtkirchlichen Arbeit an St. Petri begann mit dem 1. April 1988. Noch im gleichen Jahr fanden 50 Veranstaltungen in der Kirche statt, mittlerweile hat sich deren Zahl bei ca. 80 pro Jahr eingependelt. Das Veranstaltungsangebot von St. Petri erstreckt sich dabei auf insgesamt vier Handlungsfelder:

So ist St. Petri zunächst die "Kirche der übergemeindlichen Dienste und Werke im Kirchenkreis Lübeck". Darunter fallen z. B. Veranstaltungen des Frauenwerkes und der Diakonie sowie übergemeindliche Gottesdienste und Angebote aus den Bereichen Ökumene und interreligiöser Dialog.

Zugleich ist St. Petri aber auch "Festraum der städtischen Bürgergemeinde", d. h. die Kirche wird von Zeit zu Zeit als Festraum für große städtische Jubiläen und Ereignisse genutzt und dabei zuweilen auch an außerkirchliche Veranstaltungsträger vermietet.

Dritter Faktor im Veranstaltungsprogramm von St. Petri ist der "Dienst an Touristen". Jährlich kommen bis zu 150000 Menschen nach St. Petri, um vom Turm aus die herrliche Aussicht auf die Lübecker Altstadt zu genießen, viele tausend weitere, um den alten Raum zu besichtigen. Manche von ihnen kommen zu den Veranstaltungen in St. Petri; in den Sommermonaten finden speziell für sie sogenannte "Musik- und Texte"-Reihen statt, die von Studenten der Musikhochschule und Schauspielern gestaltet werden.

Der größte Veranstaltungskomplex aber verbirgt sich hinter dem Stichwort "Ort ausdrücklicher Grenzgängereien", ein Handlungsfeld, das in sich noch einmal in vier Arbeitsbereiche unterteilt ist:

An wichtiger Stelle steht dabei die Begegnung zwischen Religion und zeitgenössischer Kunst. Schon in den achtziger Jahren hatte sich an St. Marien ein Arbeitskreis zur Durchführung von Themengottesdiensten gebildet, die sich bald zu Kunstgottesdiensten entwickelten. Werke von Malern und Bildhauern unserer Zeit traten ins Zentrum der Gottesdienstgestaltung. Die Lernerfahrungen aus diesen Gottesdiensten sind ab 1987 dann in die Arbeit an St. Petri eingeflossen, die sich darauf konzentriert, zeitgenössische Kunst ersten Ranges im kirchlichen Raum zu präsentieren: Über 30 große Ausstellungen haben seither in St. Petri stattgefunden.

Ebenso stark wie die Kunst ist auch die Musik in St. Petri vertreten. Hier bietet die Kirche zunächst Raum für Kirchenmusiker von kleineren Kirchen, für berufsständische oder an Vereine gebundene Chöre sowie für Gastspiele in- und ausländischer Chöre und Orchester. Diesen treten Aufführungen von Musik gegenüber, die in den letzten Jahren speziell für St. Petri geschrieben wurden. Auch die Jazz-Szene hat sich mit Veranstaltungen hoher Qualität an St. Petri etablieren können. Schließlich bietet St. Petri aber auch Raum für die Durchführung aufwendiger Musikprojekte, die komplizierte Bühnen- und Podiumsaufbauten sowie lange Probezeiten erfordern.

Den dritten Bereich im Handlungsfeld "Grenzgängereien" bildet die Begegnung zwischen Religion und zeitgenössischer Literatur. Hier finden von Zeit zu Zeit Lesungen statt wie "Lied und Lyrik"-Abende, Autorenlesungen oder auch Veranstaltungsreihen z. B. über "Große christliche Texte". Daneben treten eine Vielzahl unterschiedlichster Vorträge und Vortragsreihen. Unter dem Arbeitstitel "Religion und Gesellschaft" gibt es schließlich im Jahreszyklus stattfindende Veranstaltungen wie das "Ethik-Symposion", zu dem Unternehmer, Theologen und Politiker aus Schleswig-Holstein eingeladen werden, den "Tag der Lübecker Selbsthilfegruppen", bei dem diese ihre Arbeit vorstellen können, sowie einen Jahres-Vortrag zur Bedeutung des 9. November. Zugleich dient St. Petri aber auch als städtisches Forum und Ort öffentlichen Streitgespräches.

Finanziert wird die Arbeit an St. Petri zu erheblichen Teilen durch sich selbst, der Zuschuss des Kirchenkreises ist in engen Grenzen gehalten. Infolgedessen wird auch für alle Veranstaltungen - mit Ausnahme von Gottesdiensten - Eintritt verlangt. Neben diese Eintrittsgelder treten Einnahmen aus Vermietungen des Kirchenraumes sowie aus Spenden. Einen wichtigen Beitrag leisten die Einnahmen aus der Nutzung des Kirchturmes als öffentlichem Aussichtsturm: Seit 1990 hat das St. Petri-Team auch für den Turmbetrieb die Verantwortung übernommen - und damit für die Gewinne aus den Eintrittsgeldern für den Turmfahrstuhl. Schließlich wird die Arbeit an St. Petri auch weiterhin durch den "St. Petri-Bauverein" gefördert, der bei der Bauunterhaltung und der Beschaffung von notwendigem Inventar hilfreich Unterstützung leistet.

Kommentar

Mit der Entscheidung, die St. Petri-Kirche völlig unverbaut und frei von jeder festgelegten Zweckbindung wiederherzustellen, haben die dafür Verantwortlichen seinerzeit Mut und Phantasie bewiesen. Dies hat sich indes bereits mit der Wiederingebrauchnahme der Kirche im Herbst 1987 ausgezahlt; denn schon bei den ersten Veranstaltungen zeigte es sich, dass die wiederaufgebaute Kirche von der Lübecker Bevölkerung begeistert in Anspruch genommen wird.

Dafür steht in erster Linie die Architektur des Raumes, die in ihrer Unverbautheit stärker denn je zum Ausdruck kommt und für alle Veranstaltungen eine äußerst wirkungsvolle Kulisse bietet. Die Flexibilität der neuen Innenausstattung lässt dabei völlige Freiheit in der Nutzung des Raumes und hat sich seit Wiedereröffnung der Kirche außerordentlich bewährt; sie bietet zugleich die Möglichkeit, den Raum immer wieder völlig leer zu räumen, um so der Architektur des Raumes jederzeit Gelegenheit zu geben, ihr eigenwilliges Gepräge zur Entfaltung kommen zu lassen.

Für den Erfolg von St. Petri steht neben der Architektur des Raumes aber auch das Konzept einer Stadtkirche ohne Gemeinde und das gewaltige Engagement des St. Petri-Teams. So wurde hier eine Stadtkirchenarbeit aufgebaut, die in dieser Art ohne Vorbild ist. Die Vielgestaltigkeit des Programms spricht dabei ein Publikum an, das weit über die Grenzen der gemeindegebundenen Volkskirchlichkeit hinausreicht und inzwischen auch weit über den Großraum Lübeck hinaus Beachtung und Anerkennung gefunden hat.

Das Programm ist dabei immer wieder zahlreichen Veränderungen und Erweiterungen unterworfen: St. Petri versteht sich gerade nicht als Ort immer wiederkehrender Rituale, sondern vielmehr als Ort radikaler Brüche und Veränderungen. Solchermaßen zuweilen bewusst ein "Stein des Anstoßes", leistet das Projekt St. Petri einen wichtigen Beitrag für die Stadtkirchenarbeit der Zukunft. Dies hat denn auch schon erste Nachahmer gefunden: An der Elisabethenkirche in Basel wird seit Ende 1993 eine ähnlich strukturierte Stadtkirchenarbeit aufgebaut.

Raum und Projekt "St. Petri" leben jedoch nur durch ständige Veränderung. Unter diesem Gesichtspunkt sind auch der geplante Umbau des Eingangsbereiches, aber auch die vorgesehene Erweiterung des St. Petri-Teams hinsichtlich einer Stärkung der Touristenarbeit sowie fortwährende Überlegungen zur Entwicklung eines eigenständig geprägten St. Petri-Gottesdienstes zu sehen.

Ein Defizit in der Arbeit an St. Petri ist auszumachen im Hinblick auf die Adressaten dieses Stadtkirchenprojektes. Finden sich doch zu den Veranstaltungen fast ausschließlich Vertreter aus Bildungsbürgertum und Avantgarde ein, während sozial schwächer geprägte Kreise kaum anzutreffen sind. Versuche, dies durch eigens auf diese Klientel abgestimmte Veranstaltungen zu überwinden, sind in der Vergangenheit mehrfach gescheitert.

Abhilfe scheint denn auch nicht eine Verlagerung des Programms von St. Petri zu schaffen, sondern vielmehr die Erarbeitung eines Gesamtstrukturplanes für die Lübecker Altstadtkirchen. So könnten die Nachbarkirchen von St. Petri schon aufgrund ihrer jeweils über Jahrhunderte verschiedenartig geprägten Identität eigene Schwerpunkte setzen und dabei sich all derer annehmen, die sich im Angebot von St. Petri nicht wahrgenommen fühlen. In der Gesamtheit eines solchen Konzeptes könnte dies zu einer nachhaltigen Stärkung des gemeindekirchlichen Angebotes in der Altstadt und damit auch zur Konsolidierung der betroffenen Gemeinden führen. Zugleich könnte ein solches Gesamtkonzept aber auch eine spürbare Entlastung von St. Petri nach sich ziehen, die mit ihren ca. 80 pro Jahr stattfindenden Veranstaltungen schon heute mehr als ausgelastet ist.

Matthias Ludwig

Literatur

Th. Baltrock: Kunst in St. Petri zu Lübeck. In: KuKi58 (1995),S. 125-127.

R. Bürgel (Hg.): Bauen mit Geschichte. Dokumentation über den 17. Evangelischen Kirchbautag Lübeck 1979, Gütersloh 1980.

G. Harig: Nach fünf Jahren: Realität und Idee einer Stadtkirche. Ein Bericht über St. Petri zu Lübeck. In: epd-Dokumentation 1/94, S. 1-48. Und in: City-Kirchen. Bilanz und Perspektiven. Mit Beiträgen von H. Bauer u. a. (Kirche in der Stadt 5), Hamburg 1995, S. 98-136.

P. Lehrecke/H. Lüddecke: Ein Vorschlag für St. Petri zu Lübeck. In: Bauwelt 70 (1979), S. 1848/1849.

R. Siewert: Raumdialoge. Gegenwartskunst und Kirchenarchitektur. Kunst pro St. Petri - "Vertreibt den Teufel der Bequemlichkeit". Lübeck 1993.

K. Wimmenauer: Wettbewerb St. Petri, Lübeck. In: KuKi 43 (1980), S. 43-48.

F. Zimmermann: Die Petrikirche zu Lübeck. Mit Beiträgen von R. Siewert und G. Harig (Große Baudenkmäler 399), München/Berlin 1989.

F. Zimmermann: Eckpunkte des Genius loci der Stadt - am Beispiel des Wiederaufbaues Lübecker Großkirchen. In: M. C. Neddens/W. Wucher (Hg.): Die Wiederkehr des Genius loci. Die Kirche im Stadtraum - die Stadt im Kirchenraum. Ökologie - Geschichte - Liturgie. Wiesbaden/Berlin 1987, S. 109-122.

F. Zimmermann: St. Petri zu Lübeck. Ein Ort für gesamtstädtische kirchliche und kulturelle Unternehmungen. In: Deutsche Kunst und Denkmalpflege 48 (1990), S. 31-37.

Zu Lob und Preis der Architektur und des Architektenberufs - Bausteine für St. Petri zu Lübeck. In: Bauwelt 70 (1979), S. 1589-1592.



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