Ev. Kirchbautag und Institut für Kirchbau: Befremdung und Beheimatung
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Befremdung und Beheimatung
von Prof. Dr. Thomas Erne, Predigt zur Einführung am 11.11.2007, Text: Jes 60,1+2 u. 2. Kor. 5,17

Liebe Gemeinde 

 

Der Nordwind treibt die Blätter vor sich her, fährt durch die Straßen der kleinen Stadt auf den Marktplatz, peitscht gegen die Tür der Kirche und reißt sie weit auf. Es ist Sonntagmorgen. Die ganze Stadt ist in der Kirche versammelt. Der Graf, der zugleich Bürgermeister ist, hat jeden Einzelnen am Eingang begrüßt. Jetzt steht er auf, geht durch den Mittelgang zur offenen Tür, blickt hinaus, dreht sich um, schlägt die Tür hinter sich zu und setzt sich. So beginnt der Film Chocolat.

Die Botschaft der Bilder ist klar: Frischer Wind hat in die Kirche nichts zu suchen. Kirche steht für Ruhe und Ordnung: Der Kirchturm macht jedermann klar, wo in der Stadt die Mitte ist, und die Ordnung der Bänke, wo jeder Mann und jede Frau seinen und ihren Platz hat im sozialen Gefüge.

Aber der Nordwind treibt nicht nur Blätter vor sich her, sondern auch zwei Gestalten. In roten Umhängen. Rot – die Farbe der Revolution, die Farbe der Liebe, die Farbe des Geistes, der an Pfingsten wie ein Feuer über den Häuptern brennt. Es sind Mutter und Tochter. Sie kommen von weit her – und sie bringen etwas mit. Mitten in der Fastenzeit eröffnen sie in der Stadt ein Schokoladengeschäft. Auch hier gibt es eine Tür. Aber sie schließt nicht mit einem Knall. Sie öffnet mit einem Klingeln: dem Zeichen der Verwandlung. Hier darf jeder sein, was ihm in der rigiden Ordnung der Stadt zu sein untersagt ist, ein von der Fülle Überwältigter, ein Schmeckender, ein Sehender, ein Hörender, ein Riechender. Duft heißer Schokolade, Süßes mit etwas Pfeffer, Blutorange, Nougat, Marzipan. So köstlich also kann das Leben sein. 

Sie können sich vorstellen, liebe Gemeinde, Ruhe und Nordwind vertragen sich nicht, jedenfalls nicht im Film. Der strenge Graf sucht die sinnenfrohe Frau aus seiner Stadt zu treiben. Die Bevölkerung kann er zwingen ihm zu helfen. Nicht aber die Zuschauer. Die schenken ihr Herz nicht der Macht, nicht der Ordnung, nicht der Kirche, sondern der Schokolade.

Und ihr Herz, liebe Gemeinde? Gehört es der Ordnung oder der Schokolade? Dem festen Sinn oder der flüchtigen Sinnlichkeit?

 

Vergangene Woche war Christoph Morgenthaler aus Bern hier zu Gast. Er stellte sein Forschungsprojekt über die Abendrituale bei Kindern vor. Eindrücklich war mir der Fall einer Familie mit zwei Kindern, die mit dem Umzug in ein anderes Dorf nicht zu Recht kamen. Die Eltern gingen mit ihrem Problem zu einer Psychologin. Und die empfahl den Eltern als Therapie gegen das Leiden der Kinder an der modernen Mobilität ein Abendgebet einzuführen. Kinder brauchen festen Formen um zu leben. Feste Formen, die ihr Leben verlässlich strukturieren. Erwachsene brauchen das auch. Aber sie können es eher kompensieren, wenn ihnen die kleine Rituale wie das Abend- und Tischgebet und die großen Rituale wie der Gottesdienst verloren gehen.

 

Die Kirche ist der Inbegriff einer solchen verlässlichen Ordnung. Die Universitätskirche, die Lutherische Pfarrkirche, die Elisabethkirche, sie sind zusammen mit dem Schloß, das unverwechselbares Gesicht dieser Stadt. Für Generationen von Marburgern sind sie Heimat und Orientierung, unabhängig davon wie oft sie in ihrem Inneren waren. Wenn sich im Leben alles bewegt, sind es die Immobilien, die Kirchengebäude, die Halt geben. Die Neuerfindung des öffentlichen Raumes aus seiner Beziehung zur Transzendenz, die hier vor vielen hundert Jahren stattfand - durch diese drei Kirchen ist sie in Marburg eine bis heute andauernde Gegenwart. 

 

Trotzdem ist Ordnung nur die halbe Kirche. Kirche ist Konstanz, und Performanz. Sie ist Beständigkeit - und ein Raum atemberaubender Verwandlung. Menschen können hier überwältigt werden von einer Fülle, die in keiner liturgischen Ordnung, keiner Form religiöser Darstellung aufgeht. „Mache dich auf und werde Licht, denn dein Licht kommt und die Herrlichkeit des Herrn geht auf über dir“ (Jes 60.1). Licht werden in der Fülle des göttlichen Seins ist nicht nur mit Treue zur Herkunft verbunden. Licht werden in der Fülle des göttlichen Seins ist ebenso mit der Treue verbunden diese Herkunft zu verlassen, sich aufmachen, Formen zu überschreiten, Ordnungen zu zerstören, Traditionen zu verabschieden, auch Kirchengebäude, um Raum zu schaffen für Neues. Man kann nicht Gott erfahren und seinen Glauben mit anderen teilen, ohne Ordnungen, Formen, Traditionen, Worte, Bilder und Zeichen. Aber man kann in diese Formen nur lebendig bleiben, wenn man sie immer wieder überschreitet. „Kommt ins Sein als Passierende“, heißt es im Thomas Evangelium. „Seid Vorübergehende“, so übersetzt Marcel Martin dieses Logion (Logion 42). Passierende, Vorübergehende, Überschreitende, Fortschreitende  - sie können verwandelt werden. Über ihnen wird Gottes Herrlichkeit aufgehen.

 

Im Prinzip braucht die Kirche die Kunst nicht, um an diese Logik ihrer eigenen Lebendigkeit erinnert zu werden. Aber die Last der Tradition kann so erdrückend werden, dass die aufstörende Kraft der Kunst hoch willkommen ist. Schauen sich diese Kirche an. Welch ein Formwillen bis ins kleinste Detail. 1928 wurde im Inneren der alten Dominikanerkirche ein Gesamtkunstwerk geschaffen. Alles ist hier bedeutungsschwanger, der Raubvogel, der das Stehpult trägt, die vier Delphine, die das Wasser ins Taufbecken speien, der Pelikan, der seine Brust zerfleischt um seine Jungen zu nähren – und den nur der Prediger und Liturg sieht. Und nun steht in dieser Kirche eine Wanderbaustelle, von der die Künstlerin Chris Nägele sagt, dass sie nichts bedeutet, außer das, was man sieht. Eine abgeschrankte Baustelle wie sie auch am Rudolphsplatz zu sehen ist - nur ohne reale Funktion. Asphaltbrocken, rotglühende Neonlichtschlangen, die die Brocken miteinander verbinden, eine blauleuchtende Kabeltrommel. Diese selbstgenügsame Bescheidenheit der Kunst – sie nützt nichts, sie bedeutet nichts jenseits dessen, was sie zeigt  - , ist anregend. Sie eröffnet Raum für viele Assoziationen. Meine Imagination ist: „church under construction“. Kirche, die konkrete Universitätskirche hier, wie Kirche überhaupt, ist eine permanente Umbaustelle. Ein Ort kreativer Verwandlung, Formen, die ihre Zeit gehabt haben, werden verabschiedet, neue Formen, die diese Zeit braucht, werden entwickelt. Nicht als Krisenphänomen, hervorgerufen durch knappe Finanzen, sondern als Normalfall, geschuldet der Fülle, die Thema der Kirche ist: das Aufscheinen der Herrlichkeit Gottes in dieser Welt. Eine in der Armut und der Niedrigkeit des Gekreuzigten Christus offenbare, nicht zu erschöpfende Fülle.

 

Allerdings sind kreative Verwandlungen auch mit Schmerzen verbunden. Verwandlung gibt es nicht ohne ein Moment der Destruktivität. Das ist eine der vielen großen Einsichten des Apostel Paulus: „Bist du in Christus, so bist du eine neue Kreatur, siehe das Alte ist vergangen, Neue ist geworden.“ (2 Kor 5,17). Altes muß vergehen, damit Neues wird, das wieder zu etwas Altem wird und vergeht, damit Neues wird – und so weiter. Das ist die Logik, in der sich der Glaube lebendig erhält. Leibhaft vollzogen im Sakrament der Taufe wie im Abendmahl. Brot und Wein müssen vergehen, werden als Zeichen vernichtet, aufgegessen, damit ihr innerer Sinn, die Fülle des neuen Seins, entbunden wird. Das gilt für die Beziehungen in denen wir leben. Auch die Ehe ist ein „work in progress“, keine sicherer Hafen. Das gilt für unser Verhältnis zu unseren Kindern, für unsere berufliche Praxis, für die lebendige Fortentwicklung einer Stadt, einer Fakultät, einer Universität -  auch das EKD- Institut für Kirchenbau und Kirchliche Kunst ist so eine Wanderbaustelle, wo Altes vergehen muß, damit Neues entstehen kann.

 

Und diese Lebendigkeitsregel gilt auch für unseren Alltag. Wir brauchen die festen Formen der Höflichkeit, das Morgen-, Mittags- und Abendritual, um leben zu können und müssen diese Formen immer wieder überschreiten um lebendig zu bleiben. So wie die Erdnuß, die sie in Körbchen am Ende der Sitzbänken finden. Sie wäre nicht zur Nuß herangereift, ohne die Schale, die sie schützt. Und sie würde kein Genuß für sie werden, wenn sie Schale nicht zerbrechen. Knacken sie sich eine Nuß. Über denen, die überschreiten, Passierende und Vorübergehende, wird die Herrlichkeit des Herrn aufgehen – auch im Genuß einer Nuß.

 

Amen 

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