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Braucht die Kirche Kunst? - Braucht die Kunst Kirche?
Thesen von Prof. Dr. Thomas Erne beim Symposion zu Ehren von Christian Rietschel in Dresden 2008

I. Weder – noch: Kirche braucht nicht die Kunst, Kunst nicht die Kirche.

Kreuz aus Verlegenheit
Arnulf Rainer sagt in einem Interview mit Friedhelm Mennekes, dass die Wahl des Kreuzmotivs nur Ausdruck des Problems sei einen Anfang zu finden: „Aus Verlegenheit, als Einstieg greife ich dann anfangs zu diesem Bildzeichen.“[1] Mennekes will ihm diese Aussage, angesichts der Fülle christlichen Motive in seinem Werk nicht abnehmen und insistiert auf einer weiter gehenden Deutung, aber Rainer bleibt dabei: „Aus Verlegenheit, als Einstieg.“

 
1. Kunst- und Religion sind autonom
Im Bild einer Paarbeziehung: Kirche und Kunst sind eigenständige Partner. Sie haben sich nicht nötig. Sie sind beide autonom, beide stehen auf eigenen Beinen, beide können sein ohne den anderen – aber sie müssen natürlich nicht aufeinander verzichten.

Dazu Kardinal Lehmann in einer Formel, die an die Zwei-Naturen Lehre erinnert, wonach in Christus Gott und Mensch ungetrennt und unvermischt sind: „Kirche und Gegenwartskunst … als verbundenes Getrenntsein oder ein getrenntes Verbundensein.“[2] Er widerspricht dezidiert George Steiner, der meint, dass alle Kunst, die diesen Namen verdient, eine religiöse Fundierung haben muß, sonst verfällt sie.

N. Luhmann[3] würde in der Auskunft Rainers, „als Einstieg“, vermutlich seinen funktionalen Kunstbegriff wiedererkennen. Luhmann versteht Kunst als ein autonomes in sich selbst begründetes System in der Kultur, das es mit der Produktion von Zeichen zu tun hat und mit der Kommunikation einer Unterscheidung in der Wahrnehmung, nicht in der Sprache und zwar von „marked und unmarked space“.

 

2. Kunst- und Religion entwickeln ihre Autonomie aus verschiedenen Kontexten

Autonom sind Kunst und Religion im Blick auf etwas Verschiedenes:

a) Autonome Kunst emanzipiert sich von der Fundierung in einem anderen, Natur oder zuvor die Religion. Sie ist fundiert in sich selbst. Kunst deutet nicht mehr auf ein exemplarisches Sein hin oder bildet es ab. Sie ist vielmehr selbst ein Sein, das exemplarisch ist für die schöpferischen Möglichkeiten des modernen Menschen.

b) Autonome Religion emanzipiert sich von ihrer Rolle Fundament der Kultur zu sein. Religion repräsentiert nicht mehr das Fundament der Gesellschaft, sondern in der Kultur eine unverzichtbare Dimension[4].

Vielleicht ist aber die autonome Ästhetik doch nur die  „… unendliche Spiegelungen einer Grundfigur des Seins? Wir wissen es nicht, und wir wissen auch nicht, ob wir es je wissen werden.“[5]

 

II.  Kunst und Kirche können sich als eigenständige Partner in ihrer Eigenart wechselseitig steigern

1. Autonomie schließt Beziehung nicht aus, sondern in bestimmter Weise ein

Beide, autonome Kunst und autonome Religion, sind in ihrer Autonomie nicht beziehungslos. Nur, wie können sie eine Beziehung aufbauen, ohne ihre Autonomie zu verlieren?

„Der Mensch gleicht einem Engel mit nur einem Flügel. Um fliegen zu können, muß er einen anderen Menschen umarmen.“ 

Übertragen auf das Verhältnis von Kunst und Kirche: Es geht ums Fliegen, nicht ums Gehen!  Wollen Kunst und Kirche fliegen, also etwas werden, was sie aus sich heraus noch nicht sind, dann müssen sie:  1. eigenständig gehen und stehen können 2. sich auf die wechselseitige Exploration von Familienähnlichkeiten einlassen. Das wäre umarmen, das nicht im symbiotischen Verschmelzen endet.

2. In der Beziehung autonomer Partner gibt es Abgrenzungsprobleme

Offenbar haben Religion und Kunst als autonome Partner in der Moderne erstaunliche Ähnlichkeiten, die zu Abgrenzungsproblemen führen. Religion hat es mit der Genese von Sprache selbst zu tun. Ihr Darstellungsproblem ist die Medialisierung des Unsichtbaren bzw. Darstellung des Undarstellbaren. Die Gebrochenheit der Zeichen, etwas zu zeigen und zugleich zu zeigen, dass es die Darstellbarkeit übersteigt, findet man als Struktur und Merkmal auch in der ungegenständlichen Kunst der Gegenwart! Wo aber liegt dann noch der Unterschied von Gegenwartskunst und Kirche. 

3. In der Beziehung autonomer Partner gibt es Chancen: Steigerung der Eigenart

Beziehung als wechselseitige Steigerung in der Eigenart: Kunst ist als autonome Kunst, Religion als autonome relevant und beziehungsfähig für andere autonome Sinndimensionen der Kultur, etwa für die des Rechts, der Wirtschaft, auch die Kirche für die Kunst und die Kunst für die Kirche. Beispiel ist playing arts: Im Zusammenspiel autonomer Künste und einer autonomen Religion bereichern sich beide wechselseitig.

Dazu drei Dimensionen, in denen sich Kunst und Kirche „umarmen“ könnten

a)      Ästhetischer und religiöser Horizont: Zum einen kommt die Kunst in den Blick als Ort der Imagination von Weltsichten, die eine religiöse Weltsicht korrigieren oder ergänzen. Und Religion kommt als Ort der Imagination religiöser Weltsichten in den Blick, die eine ästhetische Sicht der Dinge korrigieren oder ergänzen können. Es sind Horizonte, in denen die Deutungen des anderen wechselseitig vertieft werden. Beispiel Filmpredigt: Sie ist keine Filmkritik, sondern Fortschreiben eines Films im Horizont der Religion.


b)      Ästhetische Erfüllung und religiöse Seligkeit: Kunst kommt als Erfüllung einer individuellen Lebenspraxis in den Blick, die religiöse Erfahrung von Seligkeit korrigieren und ergänzen kann und umgekehrt. „Subjektive Plausibilität“ zeigt sich religiös in einer Erfüllung des Glaubens, der visio beatifica. Seligkeit, die Sinn und Sinnlichkeit umgreift.
 

c)      Ästhetische Distanz und religiöse Askese – Erfahrungen der Leere: Zum dritten kommt die Kunst wie Religion als Distanz zu sinnstiftenden Strategien in Blick. Solche Distanzierungsleistung lassen sich Werken von Malewitsch, Ad Reinhardt und Barnett Newman festmachen. Deren Werke machen es dem Betrachter unmöglich das Bild auf etwas anderes als auf eben dieses Bild selbst zu beziehen. In dieser Selbstbezüglichkeit, die auf keinen externen Sinn, auch kein „Letztbedeutsames“ verweist und Linie als Linie, Fläche als Fläche zeigt, sind diese Werke an sich selber „sinnvolle“ Grenzerfahrungen. Arnulf Rainers theologische Relevanz besteht nicht darin, dass er christliche Motive  übermalt, sondern dass er sie übermalt, also in einer Art von „bildstiftenden Bildbestreitung“ (Hoeps). Religiös ist die Erfahrung der Leere im Gebet. Gott redet im Schweigen des Beters. Religiös aber auch die Kritik am Versuch sich selber zu entleeren, die eine subtile Form der Selbstermächtigung sein könnte, so jedenfalls Sören Kierkegaard.

 


[1] F. Mennekes/J. Röhrig, Cruzifixus. Das Kreuz in der Kunst unserer Zeit, Freiburg, 1994, S. 114.

 

[2] R. Hoeps  (Hg.), Religion aus Malerei? Kunst der Gegenwart als theologische Aufgabe, Paderborn 2005, S. 24.

 

[3] Vgl. N. Luhmann, Kunst der Gesellschaft, 1997.

 

[4] Vgl. Kultur-Denkschrift der EKD von 2005 „Räume der Begegnung“.

 

[5] Hans Blumenberg, Nachahmung der Natur, in: ders., Wirklichkeiten in denen wir leben, Stuttgart 1986, S. 93.

 



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