Ev. Kirchbautag und Institut für Kirchbau: 50´s revisited - Architektur Flash März
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50´s revisited - Architektur Flash März
die St.Lukas-Kirche Bremen-Grolland vorgestellt von Hartmut Ayrle

In diesem Bericht wird ein Kirchengebäude besichtigt, das, am Ende der 50er entworfen, eine so leichte und ungebrochene Modernität ausstrahlt, dass es wie ein Neubau zu beschreiben ist: die evangelische Gemeindekirche St.Lukas in Bremen-Grolland.

Rückblick

Auch für die europäische Architektur stellte der 2.Weltkrieg einen Kulturbruch dar, nach dem nichts mehr so selbstverständlich war wie zuvor. Sowohl traditionelle Architektursprachen als auch der "moderne" Stil waren diskreditiert: die einen waren zu nah an den Nationalsozialismus geraten, die andern zu nah an die Sozialistische Internationale. Für eine ideologisch offene, bürgerliche Architektur gab es kaum taugliche Leitbilder.Was immer vor dem Krieg an architektonischen Ausdrucksformen entwickelt worden war, Historismen, Jugendstil, Moderne, war immer im Verdacht, den Virus des Weltkriegs-Europas in der einen oder anderen Form in sich zu tragen.

Zugleich stand Europa und insbesondere Deutschland vor einer Wiederaufbauarbeit ohne Vorbild in der Geschichte. Daher können wir in der Nachkriegs-Architektur zwischen 1945 und 1965 deutliche Suchbewegungen erkennen, die neue, historisch unbelastete Formensprachen suchten, auch fanden und in exemplarischen Bauten realisierten. Diese Suchbewegungen liefen parallel zum Internationalen Stil der Siegermächte, sie führten über organische Formen (Betonbau, Schalenbau, Leichtbau), über den bewusst materialbasierten "Brutalismus", über den global-lokal verankerten "Regionalismus" und gipfelten in den phantastischen Architekturen der Pop-Art und der um sich greifenden Postmoderne.

Leichtbau

Eine dieser neuen, unbelasteten Architektursprachen war der von dem legendären Frei Otto entwickelte Leichtbau. Ausgehend von dem handwerklich tradierten Wissen von Zeltbaumeistern, ergänzt durch Ingenieurwissen über Seilbauwerke, schuf er eine neue Bilder- und Bautechnik-Welt, in der sich der suchende Architekt einfinden konnte. Mit diesem Vokabular waren Bauten zu entwerfen, deren Formensprache  noch nie gesehen wurde. In Bremen war es der junge Architekt Carsten Schröck, der als vielgefragter lokaler Stararchitekt mit Frei Otto Kontakt aufnahm, um zuerst in einem Stadthallen-Wettbewerb, und dann in einem Kirchbauprojekt die Möglichkeiten der Leichbauweise nach Bremen zu holen.

Den Entwurf für das Kirchengebäude entwickelte Schröck zusammen mit Frei Otto. Als die Ausführungsplanung anstand und eine Kostenexplosion drohte, nahm Schröcks Kollege Fritz Busse das Heft in die Hand. Er nutzte geschickt die in der Bremer Schifffahrtsindustrie vorhandenen Potentiale, um ein Bauwerk zu errichten, das keine Vorbilder hatte.

Form und Konstruktion

Die Grundidee war ebenso einfach wie genial: das Kirchengebäude ist von einem Seilnetzdach überwölbt, das von zwei Holzbögen aufgespannt wird. Beide Bögen stehen über einem fast vollkommenen Kreis, die Fusspunkte aneinander gelehnt, und bis etwa auf 40° über der Horizontale nach aussen gekippt. Sie spannen in dieser Lage drei Seilnetze auf, ein Deckenfeld und zwei Wandfeldern. Die Bögen haben eine Spannweite von 25 m und eine maximale Höhe über Grund von etwa 9 m. Sie sind sehr massiv aus gebogenem Leimholz gefügt mit einen liegenden Querschnitt von etwa 70 * 50 cm. In ihrer Mittelachse sind auf einem Stahlband Durchlässe für die Netzseile platziert. Die Seilnetze aussen auf dem Bogenträger gesichert sind und am Boden ringsum in einem Ringfundament verankert.

Die Seilnetze spannen zusammen mit den Bögen drei gegensinnig gekrümmte "Sattelflächen" auf: Die beiden Wandflächen bestehen visuell aus "stehenden" Vertikalseilen und "liegenden" Horizontalseilen, in der Deckenfläche kann man "stehende" und "hängende" Seilverläufe unterscheiden. Die Maschenweite des Netzes ist 80 cm, es sind Doppelseile.

So sehr das Seilnetz als primäre Tragstruktur in seiner Leichtigkeit und Eleganz besticht, wird das Gebäude von St.Lukas doch erst durch die hölzerne Gebäudehaut zu dem Raum, den wir wahrnehmen. Für Fritz Busse kam von vornherein nur eine in Holz konstruierte Gebäudehülle in Frage, denn "Holz würde das grösstmögliche Verständnis für die erforderliche Verformung aufbringen, vor allem wegen der Nut-und-Feder Verbindung". Ausserdem war klar, dass die gedämmte Hülle des Gebäudes das Tragwerk aus Leimholzbögen und Seilnetz einschliessen muss, um es komplett aus der Witterung herauszunehmen. Wie aber baut man eine Gebäudehülle auf einem Seilnetz auf, dessen Maschenflächen nicht exakt rechtwinklig und in sich windschief sind?

Das Geheimnis ist die Verformbarkeit von frisch geschnittenem Holz: auf die Knotenpunkte des Seilnetzes im Dach sind biegsame Dachlatten geschraubt, diese bilden die Basis für eine Brettschalung, auf der dann eine reguläre Blech-Eindeckung mit Unterdämmung aufgebaut wird. In den Wandflächen wird ebenso begonnen, die Aussenhaut ist dort aber eine Holz-Stülpschalung über der Dämmung.

In den Wänden werden einzelne Netzfelder mit besonderen Funktionen ausgeführt:
- feststehende Bleiglas-Fensterflächen,
- Lüftungsklappen,
- sogar Schall-Absorptions-Flächen finden sich am richtigen Ort.

Es entsteht so im Jahr 1964 ein Raum aus drei gegensinnig gewölbten Holzschalenflächen, poetisch aufbrochen durch die Lichtflecke der Bleiglasfenster, wie ihn heute wieder manche Neo-Organische Architektur versucht zu schaffen.

Gang durch das Kirchengebäude

Von der Strasse aus, die genau am Grundstück eine Biegung macht, ist das Ensemble von Gemeindezentrum, Kirchenraum und Turm zurückgesetzt. Das Dach des Kirchengebäudes zieht sich zur Strasse hin bis auf den Boden herunter, man nimmt die Scheitel der Bögen rechts und links wahr, darunter die geschwungene Holz-Wand mit den locker verteilten Fensterflächen, Man geht über einen gepflasterten Weg auf den gut ablesbaren Eingang zwischen Kirche und Gemeinderäumen zu, kurz vor dem Eingang überspannt die Wegplatte ein lang gestrecktes Wasserbassin, das vor der Gesamtanlage zwischen Rasen und Gebäuden verläuft und ganz vage Assoziationen an einen Burggraben weckt. Das Kupferdach endet mit seinem tiefsten Punkt direkt über dem Becken und speist es mit Regenwasser.

Man betritt das Ensemble nun über einen Flur zwischen Gemeinderäumen und Kirchenraum. Der Flur wird durch die Rundung der Kirchenwand zur Mitte hin enger, und genau dort findet sich ein 7-türiges Portal zum Kirchenraum, Am Ende des Flures führen helle Glastüren weiter in einen Innenhof.

Man betritt den Sakralraum durch eine der Türen und geht dabei unter der lastenden Bodenplatte der Orgelempore hindurch in den Kirchenraum, und das erste was man sehen kann, ist über die Bankreihen hinweg die Vorderwand des Raumes. Sie schwingt sich von den Seiten her kräftig über den Altar in der Mitte, und wird von den quadratischen farbigen Glasfenstern unregelmässig perforiert. Ein ruhig liegendes Raumbild steht vor dem Besucher, in dem die Farbflecken der Fensterbilder spielerisch tanzen. Dann wendet man sich zur Seite, folgt der Bogenlinie der Vorderwand zum Fundamentpunkt, sieht dort den zweiten Bogen von hinten oben einlaufen und schaut dann hoch in die Wölbung des Daches. Die Wölbung kommt in der Mitte des Raums dem Besucher entgegen, zugleich flieht sie mit den Wandflächen nach oben/aussen weg - man begreift allmählich die "gegensinnige" Krümmung der Dachfläche, und die doppelte Bewegung darin: die scheinbar "stehenden" Bögen des Seilnetzes quer über dem Kirchenraum, auf denen längs über den Raum die andere Seilschar "steht" in nach oben offenen Bögen, und das Dach zu den Wänden hin drastisch hochzieht. Unter unter dem höchsten Punkt der Bögen "liegt" in grosser Ruhe die jeweilige Wandfläche. Nun ist man im Raum angekommen.

Man spürt an den eigenen Schritten, dass der Raum fast kein Echo hat, was eine gute Akustik verspricht, und man folgt dem Spiel der Fenster auf den Wandflächen, in denen die Aussenwelt in magisch farbigem Licht nach innen strömt. Zugleich entfaltet die Dachfläche eine schützende Wirkung, sie ist nirgends durchbrochen.

Man kann sich eine ganze Zeit lang in dem Kirchenraum aufhalten, um die starke Wechselwirkung zwischen "liegender", nach innen gewölbter und durchbrochener Wand und "stehendem", nach aussen fliehendem, geschlossenem Dach zu erspüren, und sich fragen, welches Motiv stärker ist. Man wird dann bemerken, dass man das in diesem Raum gar nicht entscheiden muss. Bewegung und Ruhe sind im Gleichgewicht.

Würdigung

Die Kirche St. Lukas in Grolland hat in Bautechnik und Form keine vergleichbaren Vorgänger. Den beteiligten Architekten und Ingenieuren ist es gelungen, lange vor den Ikonen des Deutschen Pavillons in Montreal und des Münchner Olympiazentrums den langen Weg zu gehen vom Bauen in massivem Material und kubischer Form hin zum Bauen in leichtem Material und organischer Form.

Sie haben dabei ein Bauwerk geschaffen, bei dem die organische Form ganz selbstverständlich aus der inneren Logik der Tragstruktur folgt. Diese Übereinstimmung von Form und Konstruktion zieht sich weiter durch Gebäudehülle und Ausstattung, bis in alle konstruktiven Details. Das Gebäude entfaltet im Äusseren eine ebenso starke skulpturale Wirkung wie im Innern.

Die St. Lukas-Kirche belegt damit, dass eine organische Bauform auch innerhalb des rationalen Kanons der Moderne gebaut werden kann. In der organischen Architektur muss also nicht, wie heute üblich, die vernünftige Konstruktion der sinnenfrohen Form geopfert werden. Vielmehr ist die klassische Forderung nach Einheit von Form und Konstruktion auch in der Organik einlösbar.

Carsten Schröck und Fritz Busse haben Anfang der 1960er Jahre in der St. Lukas-Kirche in Bremen bei Ihrer Suche nach einer neuen Architektur diese klassische Einheit von Form und Konstruktion in einem Seilnetz-Bauwerk ausprobiert und erreicht. Die Kirche als Bauherr hat damit ein Denkmal der Baukultur in Bremen entstehen lassen.



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