|
|
||||
|
|
||||
Nach zahlreichen Versuchen in den letzten Jahren durch Entwürfe und Experimente die Chancen und Probleme mobiler Kirchen auszuloten, hat auch die Bauabteilung der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau seit 2007 ein solches Projekt verfolgt. Allerdings wurde hierfür nicht mit einfachen und konventionellen Bauteilen experimentell gearbeitet. Ein aufwändiger Entwurf des Architekturbüros raum-z architekten GmbH, Darmstadt, setzte den Siegerentwurf eines studentischen Stegreifwettbewerbs des Studiengangs für Architektur der Fachhochschule Frankfurt um, der die spezielle Anfertigung hochwertiger Bauteile erfordert. Damit hat die LichtKirche von vorne herein einen entscheidenden Schritt gegenüber anderen „MoKi-Projekten“ vollzogen: Sie zeichnet sich im Unterschied zu vielen anderen mobilen Kirchen nicht durch unprofessionelle und improvisierte Konstruktionsideen aus, sondern beschränkt sich in ihrer Mobilität allein auf die Tatsache, dass sie auf- und abbaubar ist. Ihre Baukonstruktion und die verwendeten Materialien sind hingegen durchaus hochwertig: 14 speziell angefertigte Holzrahmen aus Kerto-Schichtholz ragen 8m hoch in den Himmel und bilden mit dem Firstbalken ähnlich den Spanten eines Schiffsrumpfs das „Gerippe“ für die jeweils 1m breiten Platten aus Plexiglas, die die ganze Kirche mit einer milchigen, halbtransparenten Oberfläche verkleiden. Der absichtlich unbehandelte Holzboden (damit die vielen Besucher Spuren hinterlassen) bedeckt eine stattliche Grundfläche von 4,3 m Breite und 13 m Länge, wodurch bis zu 40 Menschen sitzend und 70 Menschen stehend in der Kirche Platz finden.
Auch wenn die hellen Holzbauteile im Zusammenhang mit Stahlverbindungen und Plexiglas durchaus an Bausätze eines berühmten schwedischen Möbelherstellers erinnern können, wird diese Assoziation durch die Präzision bzw. Individualität der Verarbeitung und die originelle Ausstattung sogleich zerstreut. Beispielsweise durch die beiden Altäre, die wohl zu den eindrucksvollsten Elementen der Kirche gehören: Eigentlich auf den ersten Blick nicht mehr als ein beinahe achtlos aufgeschichteter Stapel ungehobelter Holzplatten, vermitteln beide Altäre auf ganz eigentümliche Weise eine gewisse Schwere und Massivität ohne dabei ihren Charme der Vorläufigkeit zu verlieren. Einer der beiden baugleichen Altäre befindet sich auf der Innenseite der eingezogenen Trennwand in der ansonsten auf beiden Giebelseiten tunnelartig-offenen Kirche, der andere steht an der Außenseite und bietet so die Möglichkeit auch Gottesdienste vor der Kirche unter offenem Himmel zu feiern. Die beschriebene Trennwand ist nicht bis an den Dachfirst hochgezogen und lässt die Kirche somit ständig zu beiden Seiten offen stehen. Dies sorgt im wahrsten Sinne für ständigen „frischen Wind“ und unterstreicht zudem den Charakter der Vorläufigkeit. Erstaunlich ist, dass sich die hochwertigen Bauteile bis hin zu den extra angefertigten bunten Holzstühlen in allen Regenbogenfarben des EKHN-Facettenkreuzes dem Besucher nicht aufdrängen und die Zelt-Atmosphäre trotz aller materiellen Professionalität erhalten. Die eigentliche Attraktion der LichtKirche, der sie neben ihrem hellen Innenraum vermutlich auch ihren Namen verdankt, ist ihre künstliche Beleuchtung. Verschiedene Leuchtdioden, Lampen und Computergesteuerte Lichtquellen können die Kirche bei Dunkelheit in unzähligen Farben und Formen erstrahlen lassen und lassen sie gleichsam zur künstlerischen Lichtinstallation/Skulptur werden, die für verschiedene Kulturveranstaltungen genutzt werden kann.
Die bisherigen Versuche zur Gestaltung mobiler Kirchen konnten meistens nur sondieren, aufmerksam machen, inspirieren. Die LichtKirche hingegen ist – wenn überhaupt – ein Experiment auf sehr hohem Niveau und somit ein sehr respektabler und mutiger Schritt in die Transformation kirchlicher Präsenz in der postmodernen Gegenwart. Die LichtKirche bleibt den alten Prinzipien des Zeltheiligtums treu, indem sie den Kirchenraum nicht auf einen Ort festlegt, sondern den Raum erst mit Menschen und ihrer Begegnung entstehen lässt. Sie „geht mit den Menschen“ indem sie an verschiedenen Orten begegnet und trotz ihrer soliden und großzügigen Bauweise den Fokus nicht auf sich selbst, sondern auf das Licht und das Leben in ihr zu richten versteht. Der Vergleich mit einem Schiff drängt sich jedoch ebenfalls – und nicht nur aufgrund ihrer an einen Schiffsrumpf erinnernde Bauweise – auf. Die LichtKirche lässt an ein Schiff denken, indem sie trotz ihres offenen Zeltcharakters nicht nur ein „Dach über dem Kopf“ ist, sondern auch mit einem festen und soliden Kiel zu den Menschen kommt und geht, nicht übersehen wird und in der Lage ist, Botschaften und schließlich auch Menschen zu befördern und zu tragen.
von Peter Schüz
evangelischer Kirchbautag und Institut für Kirchenbau und kirchliche Kunst der Gegenwart