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Betritt man das Mercedes-Benz-Museum in Stuttgart drängt sich unweigerlich der Eindruck einer Kathedrale für das Automobil dem Besucher auf. Schaut man in der Mitte des 42 Meter hohen Atriums nach oben, fühlt man sich durch die konkav-konvexe Form und durch die aufsteigende Geste an eine barocke Kirche erinnert [1]. Von Atrium kann man ein wenig hinein schauen in einzelne „Mythosräume.“ Man erahnt die ausgestellten Fahrzeuge und hört aus allen Richtungen das Röhren von Rennsportmotoren. Dass man an dieser Stelle im Museum nicht mehr von den Autos sieht, gehört zum Konzept des Museums. Man wollte eine Spannungskurve aufbauen, die erst ihren Höhepunkt überschreitet, wenn der Besucher mit dem „Pre-Show“-Aufzug „in das Jahr 1886“ gefahren ist und im „Mythosraum der Pioniere“ auf einer rotierenden Glasfläche – einer Filmszene aus „Odysee 2001“ von Stanly Kubrick entlehnt – das erste Automobil der Welt erblickt.
Das Büro HG-Merz, das auf Technikmuseum spezialisiert ist, hat, bevor überhaupt ein Architekt angefangen hat eine räumliche Idee zu entwickeln, ein Drehbuch für das Mercedes-Benz-Museum geschrieben, das beschreibt, was der Museumsbesucher in einer „Story“ beim Durchlaufen des Museums erleben soll. Erst dann wurden 10 Büros zu einem Architektur-Wettbewerb eingeladen, darunter Hans Kollhoff (Berlin), SANAA (Tokio) und die Wettbewerbs-Gewinner UN-Studio (Amsterdam), um diesem Drehbuch eine räumliche Entsprechung zu geben.
Diese szenografische Herangehensweise an die Architektur, das so genannte „Theming“, ist eine der Besonderheiten der Architektur des Museums, das vielfach in der Kritik aufgrund der spektakuläre Form in Vergessenheit gerät, obwohl sie das inhaltliche Fundament der Architektur ist.
Theming ist eine relativ neue oder besser wiederentdeckte Disziplin der Architektur. Dabei geht es um das Aufladen der Bauaufgabe um eine erzählerische Ebene. Die in den Raum geschriebenen Bilder sollen eine spezifische Atmosphäre hervorrufen, die es vermag, die Erzählung räumlich zu vermitteln. Somit sei „Theming“ „ureigenes Handwerk der Architekten spätestens seit der Renaissance.“ [2] stellt der Architekturtheoretiker Frank Werner klar. Das Jüdische Museum in Berlin kann als ein solches Beispiel gesehen werden. Allein der Gang durch das Museum lässt etwas von der Geschichte der Juden in Deutschland erahnen.
Aber diese Art von Bühnen-Architektur birgt auch eine manipulative Gefahr in sich. Frank Roost führt in seinem Buch „Die Disneyfizierung der Städte“ die Aktivitäten des Disney-Konzerns im Städtebau auf und weist nach, wie unausweichlich der Konzern das öffentliche Leben an den von ihm besetzten Orten bestimmt [3]. Gebäude sind nur noch Kulisse einer Gesamt-Marketingstrategie. Der Bürger wird an solchen Orten zum Konsumenten, umgeben von einer sich gegenseitig bewerbenden „Disney-World“ aus Kino-Filmen, TV-Serien, Nachrichten-Shows, „touristische Urbanität im kontrollierten Raum [4]“ und „Simulation kleinstädtischer Idylle [5]“ inklusive Shoppingcentern, Schulen und Kultureinrichtungen. Entscheidend dabei sei der Zusammenhang zwischen inszenierter Gestalt und „marktwirtschaftlichen Orientierung“ des Konzerns. „Disneyfizierung [ist die] Kombination von sozialer Polarisierung, Ausgrenzung Benachteiligter, neuartiger Inszenierung von Urbanität, multimedialer Vermarktung und historisierender Gestaltung als zueinander gehörend, sich gegenseitig ergänzende und legitimierende Elemente“ so Roost [6].
Kann man aber beim Mercedes-Museum einen Bezug zu „Disneyfizierung“ herstellen? Wesentliche Merkmale wie der Zusammenhang zwischen inszenierter Gestalt und „marktwirtschaftlichen Orientierung“ erfüllt das Mercedes-Museum. Auch kann man beim Museum von einem Teil eines „Cross-Marketing“ um die Marke Mercedes sprechen [7]. Zudem impliziert der von Aaron Betsky beschriebene Neo-Barock der Museums-Architektur eine passive Betrachterhaltung der Besucher.
Rem Koolhaas kommt zu dem radikalen Schluss, „Shopping“ habe nahezu jeden Aspekt des öffentlichen Lebens „infiltriert, kolonisiert oder sogar ersetzt“ und so sei auch das Museum als Typologie einem Wandel unterzogen. Er verknappt diese These im dem Ausdruck „museum = shopping“ [8].
Allein der Aspekt, die Typologie Museum bekäme eine Erweiterung um den Bereich des Shoppings, ist dabei nicht das Problematische. Vielmehr ist bedenklich, dass dem Museum wesenseigene Elemente verloren gehen. So findet im Grunde keine Reflexion im Mercedes-Museum über den Ausstellungsinhalt statt, was man anhand des großen Themas des Automobils, dem Klimawandel, sehr schön ablesen kann. Am Ende des Ausstellungsganges werden in einem Bereich „Forschung und Technik“ nur zaghafte Verbesserungsvorschläge gemacht, am Wesen des Problems, wie wir langfristig Mobilität sinnvoll gestalten können, weis das Museum uns nicht nur keinen Rat zu geben, scheinbar stellt es sich nicht mal die Frage [9]. Damit ist auch unklar, welche kulturelle und gesellschaftliche Relevanz das Museum für sich beansprucht. Ist es ein Ort, der Selbstvergessenheit oder der Interaktion der Besucher untereinander zulässt? Ein Museum als Ort der Musen ist das Mercedes-Benz-Museum gewiss nicht, denn eigene, schöpferische Ressourcen werden nicht stimuliert.
Und in diesem Sinne ist das Mercedes-„Museum“ zwar von seinem Anschein nach eine Kathedrale, in seiner Ausprägung und seinem Typologiewechsel aber kein Kirchengebäude. Denn in der fast monotonen Aufzählung Rem Koolhaas’ in seinem Buch „Shopping“, welche Typologien sich dem Diktat des Shoppings unterwerfen, wird eine Typologie nicht aufgeführt: Kirchen. Sie scheinen die einzigen Orte zu sein, die eine Change haben, Selbstvergessenheit zulassende Orte der Musen zu sein. Das ist zumindest ihre Aufgabe für die Zukunft.
[1] „Geschwungen, zerknittert, gefaltet und facettiert, ist das Mercedes-Benz-Museum ein Barockpalast der Automobilität“ (Aaron Betsky in Buy Me a Mercedes-Benz, Hrsg. UNStudio, hg merz und DaimlerChrysler Immobilien GmbH, S. 20)
[2] Frank Werner, Symposium „Theming - Die Stadt als Set gebauter Events“ des AGT an der Uni-Wuppertal, 2004
[3] In der 20.000-Einwohner Stadt Celebration, Teil der Disney-World, Florida, gibt es weder einen Bürgermeister noch einen Stadtrat. Das äußere Erscheinungsbild der Häuser ist von den Pflanzenarten bis zur Vorhangfarbe genau geregelt. Ursprünglich sollte es sogar unverheirateten Paaren verboten sein, gemeinsam in einem Haus zu übernachten und sollte ein Bewohner arbeitslos werden, hätte er die Stadt verlassen müssen (vgl. Frank Roost „ Die Disneyfizierung der Städte“ (2000), Leske + Budrich, S. 88 und S. 77).
[4] a.a.O. S. 35
[5] a.a.O. S. 67
[6] Vgl. a.a.O. S. 120
[7] Das Museum ist in der Unternehmensstruktur der Daimler AG im Bereich Marketing angesiedelt.
[8] “SHOPPING is arguably the last remaining form of public activity. Through a battery of increasingly predatory forms, shopping has infiltrated, colonized, and even replaced, almost every aspect of urban life. Town centers, suburbs, streets, and now airports, train stations, museums, hospitals, schools, the Internet, and the military are shaped by the mechanisms and spaces of shopping.” Harvard Design School Guide to Shopping, Project on the City, ed. Rem Koolhaas u.a., Harvard Design School, 2002
[9] Die hier gezeigten, scheinbar, kurz vor der Serienreife stehenden, Fahrzeuge verbinden dabei geschickt und subversiv den Museumsrundgang mit dem Mercedes-Benz-Verkaufscenter.
evangelischer Kirchbautag und Institut für Kirchenbau und kirchliche Kunst der Gegenwart