Ev. Kirchbautag und Institut für Kirchbau: Granat Kapelle
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Granat Kapelle

Wohin schaut die Kuh, - man weiß nicht, ob verwundert oder gleichmütig - die hier so fotogen vor dem Bergidyll posiert? Vielleicht auf dieses eigenartige Objekt, das weder ein Stall noch eine Berghütte noch eine Liftstation sein kann.

Diese ungewöhnliche Erscheinung in der Zillertaler Bergwelt, genauer gesagt, auf dem Penken wirkt surreal. Ist es ein zweckbestimmtes oder ist es ein künstlerisches Bauwerk? Wie kommt diese ungewöhnliche Gestalt hierher, die so ganz anders aussieht als alpenländische Architektur sonst?  Wozu ist sie da?

Zunächst ist die sogenannte Granatkapelle ein Erinnerungsort, ein Denkmal,-  was auch erklärt, warum sie gar nicht aussieht wie eine Kapelle. Sie wurde errichtet auf Initiative eines Zillertaler Unternehmers, um an Vorfahren zu erinnern, die in diesen Bergen das Mineralgestein Granat schürften.

Der Architekt Mario Botta, der in seiner Bergheimat, dem Tessin, schon etliche Kapellen gebaut hat wie die Kapelle Santa Maria degli Angeli auf dem Monte Tamaro und die Chiesa di San Giovanni Battista in Mogno aber auch große Kirchen wie die Kathedrale von Évry (Frankreich)1990, wählt gern symbolisch wirkende Bauformen. Sie wirken zweckautonom und sprechen in einem ganz eigenen Idiom. Trotzdem nehmen sie  Kontakt auf zu ihrer Umgebung  über Materialien, die im regionalen Baustil ebenfalls Verwendung finden oder die für die geografische Umgebung typisch sind.

Hier, bei der Granatkapelle wagt sich Botta an eine Verbildlichung des geschliffenen Granatgesteins. Wie der einem Ring aufsitzende Edelstein schwebt oder thront ein Rhombendodekaeder  auf einem ungefähr zwanzig Quadratmeter großen Sichtbetonsockel.  Die Außenverkleidung besteht aus Cortenstahlplatten, die eine typische Rostfärbung annehmen werden. Der aus zwölf rhombenförmigen Flächen zusammengesetzte Baukörper ist Denkmal, Kapelle und Schutzhütte in einem. Er erfüllt zwar Funktionen, hat  aber die Qualitäten einer freien Plastik, - ein Auftritt in inspirierendem Kontrast zu der Bergwelt ringsum. Dieses nicht zusammenbringen können von Erscheinungen, der nicht auflösbare Gegensatz ist auch wesentlicher Ausgangspunkt für die Meditation in der Zen-Tradition, die eine andere Dimension der Wahrnehmung öffnet. Botta spricht von einem Stück purer Geometrie, das der Natur gegenübergestellt, die Landschaft, den Himmel und die Atmosphäre anders wahrnehmen lässt.

Kritisch könnte man von einer gewissen  Manieriertheit sprechen, denn es überwiegen hier formale Aspekte die Nutzbarkeit des Raumes, und das Bild des Mineralgesteins hat mit einer Kapelle und deren Bestimmung keine Gemeinsamkeiten. Wohl aber mit expressionistischer und phantastischer Architektur, deren Utopien sich  gern in Bergwelten angesiedelt und von kristallinen Kirchen- und Kathedralbauten geträumt haben. Die Granatkapelle steht in dieser architektonischen Tradition, deren Ausläufer bis in die Postmoderne  führen. Für Botta und seine architektonischen Verwandten hat Architektur spirituelle Kraft. Ihre Mittel sind Licht und Geometrie.

Vom Eingang im Sockelgeschoss zum Innenraum bildet eine Treppe den Übergang von der Weite und Entgrenzung  draußen zu einem bergendenden höhlenartigen Gehäuse. Ein kleiner Raum, nur 20 Quadratmeter, - alles ist hier aus Holz. Decke, Wände, Boden. Die 12 Wandflächen des Innenraums bilden die Geometrie des Rhombendodekaeders aus schmalen Lärchenholzbrettern nach, der Altar ist eine runder Tisch, die Sitzhocker, das Heiligenbild (Markus Thurner), alles sind Holzarbeiten. Licht fließt aus einer runden Öffnung  in der Decke auf den runden Altartisch, der mit einer schönen Intarsienarbeit geziert ist. Ebenfalls Licht tritt ein durch eine kreuzförmige Aussparung in einer der Wandflächen. Einen Ausblick gewährt der Kapellenraum nicht, nur die Lichtstimmung im Raum kann etwas aussagen über die Verhältnisse draußen. Man ist allein mit sich selbst und der sich wandelnden Lichtstimmung,  geborgen und konzentriert, quasi in sich zusammengefasst.  Die Grenzerfahrung, die man angesichts der Naturgewalt in der alpinen Bergwelt machen kann, wird hier aufgefangen und kontrastiert.

(Text: Claudia Breinl/ Fotos: Thomas Erne)

Architekt Mario Botta, Mendrisio, CH

 



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