Ev. Kirchbautag und Institut für Kirchbau: Kapelle Kärsämäki
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Kapelle Kärsämäki

Wie kommt man auf die Idee, zeitgenössische Architektur mit  Handwerkstechniken des 18. Jahrhunderts zu realisieren?

„Lichtzauber und Materialität“ hat Wolfgang Jean Stock sein Buch über heutige finnische Kirchen genannt und beide Begriffe lassen sich auch auf die Kapelle von Kärsämäki anwenden, die 2004 errichtet wurde.  Sie entstand als Ergebnis eines Studentenwettbewerbes an der Universität von Oulu. Diesen Wettbewerb gewann Anssi Lassila, heute Büro oopeaa in Helsinki und Seinäjoki, der  mittlerweile weitere eindrückliche Kirchen in Klaukkala und Kuokkala gebaut hat. 

Am Flussufer in der weiten Landschaft Finnlands stand auch die Vorgängerkirche von Kärsämäki (1765). Sie musste  Mitte des 19. Jahrhunderts  abgebrochen werden. 1998  brauchte die Gemeinde eine größere Kirche und wollte dafür diese alte Kirche wiedererrichten. Allerdings, wie genau sie ausgesehen hatte, ließ sich  nicht mehr  rekonstruieren…was ein Glück war, denn dies führte zu dem Gedanken, wenn schon nicht das historische Gebäude wiedererstehen konnte, so könnte man doch in der neuen Kirche die Tradition in Gestalt regionaler Materialien und alter Handwerkstechniken bewahren. So kam das außergewöhnliche Projekt zustande, das eine  moderne Form mit historischen Methoden umsetzt.  So deutlich also ist, dass dieser schwarze Kubus ein Zeugnis heutiger Architektursprache ist, so offensichtlich ist seine Verwandtschaft mit den historischen Holzkirchenbauten des skandinavischen Raumes.(Abb.1)

Das Gebäude ist ringsum mit geteerten Holzschindeln bedeckt, die eine Struktur und Oberflächenwirkung erzeugen, die an ein Krähengefieder denken läßt. Die Öffnungen für Tür und Fenster befinden sich nicht an den Fronten, sondern an den Ecken des Gebäudes wie Einkerbungen. So werden die Wandflächen nicht von Fensteröffnungen durchbrochen und die Kirche erhält ihr hermetisches geheimnisvolles Äußeres. Solche Einkerbungen gibt es auch an vielen unauffälligeren Stellen des ganzen Baues, z.B. immer bei den verzargten Eckverbindungen der Holzbalken, denn sie sind Teil des Konstruktionsprinzips, ebenso wie das Einfügen der Holzbretter im Nut-und Federsystem.

Die  alten Stabkirchen wurden auf viereckigen Holzrahmen errichtet, die dann auf ein steinernes Fundament aufgesetzt wurden. Auch hier ist das so und daher kommt es auch, dass das kleine Gebäude ein wenig über der Erde zu schweben scheint. Bei vielen, vor allem den kleineren Stabkirchen befinden sich die Masten in den Wänden des Rahmens und lassen so den Kirchenraum frei. Dieses Prinzip wurde hier übernommen.  Etliche Recherchearbeit zu alten Handwerks- und Baumethoden waren dem Bau vorausgegangen und auch Kompromisse zwischen alt und neu wurden gefunden.

Die Holzstämme kamen alle aus den Wäldern der Gemeinde, wurden mit Pferden transportiert, in der alten Sägemühle gesägt - keine Motorsägen oder –bohrer oder andere Maschinen kamen zum Einsatz, dafür traditionelles Handwerkszeug wie  Axt, Meißel, Handsäge. Das Rahmenwerk der Kirche wurde am Boden zusammengebaut und nach Fertigstellung der Fundamente aufgesetzt und mit stützendem Balkenwerk  und Holzgewänden ausgefüllt. Überzogen wurde der Bau mit einem Mantel aus ca. 50.000 geteerten Espenholzschindeln, die ihn witterungsbeständig machen, - so wie ihre historischen Vorgängerkirchen wird diese Kapelle in Schönheit altern.

Der Kern der kleinen Kirche ist der Gottesdienstraum, der indirektes Licht vom umlaufenden Flur und von einer aufgesetzten Dachlaterne empfängt. Der Flur umläuft wie eine Schale den mittigen Kirchenraum und bietet außerdem Platz für eine Sakristei und einen Lagerraum. Die offenliegende Konstruktion des Holzbaus läßt die  Spuren der Handbearbeitung in der behaglichen Raumatmosphäre lebendig werden. Bänke und Altartisch sind ganz schlicht aus Holz gearbeitet. Da es einen Lagerraum gibt und der Altar mobil ist, können liturgische Formen variiert werden, d.h., auch ein Gottesdienstraum ohne Bebankung ist möglich, wie es sich der Architekt ursprünglich vorgestellt hatte. Im Dämmer und im Dunkeln, das es im Finnland der langen Winter häufiger gibt, wünschte sich der Architekt Kerzenlicht. So sind an den Wänden gläserne Windlichter und für die Besucher Blechlaternen vorgesehen. Es ist sicher eine besondere Erfahrung, sich auf dem angelegten Holzsteg vom freistehendem Glockenträger im Dunkeln der Kapelle  zu nähern, die das erfüllt, was sich der Architekt erhofft hatte: für alle, -Gläubige oder nicht -, ein anziehender Ort mit einer besonderen Ausstrahlung zu sein.

Architekt: Anssi Lassila, http://oopeaa.com

Text: Claudia Breinl / alle Abbildungen der Käräsmäki-Kapelle © Jussi Tiainen 

Abb. Stabkirche Torpo in Hallingdal, Norwegen, Foto:  ToB (Tom Bjornstad, Norway)

Buchtipp: Wolfgang Jean Stock, Lichtzauber und Materialität, Kirchen und Kapellen in Finnland seit 2000, Deutscher Kunstverlag, München 2014

 



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