Ev. Kirchbautag und Institut für Kirchbau: Pfarrzentrum Christkönig Schweinfurt
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nach der Umgestaltung: Innenhof, Pfarrsaal mit Küchenzeile
Pfarrzentrum Christkönig Schweinfurt

Neuinterpretation.

Zur Erneuerung des Pfarrzentrums Christkönig in Schweinfurt

Schweinfurts Qualitäten im modernen Kirchenbau sind wenig bekannt. Dabei lieferten sich beide große Konfessionen in den 1950er/60er Jahren hier und im Umfeld geradezu einen Wettstreit. So begegnen Architekturen etwa von Hans Schädel, Lothar Schlör, Hans Döllgast oder Fritz Johannbroer auf katholischer, von Albert Köhler, Olaf Andreas Gulbransson, Günter Memmert oder Gerhard Weber auf evangelischer Seite. Franz Rickert, Curd Lessig, Helmut Ammann, Hubert Elsässer, Georg Meistermann, Fritz Koenig, Ludwig Schaffrath, Johannes Schreiter oder Walter Gaudnek waren an ihrer Ausgestaltung beteiligt.

Zu diesen bedeutenden Bauten kirchlicher Nachkriegsmoderne sollte man auch das Pfarrzentrum Christkönig im Stadtteil Bergl zählen. Eine aufstrebende Industrie und das Einströmen zahlreicher Flüchtlinge erforderten damals die Errichtung neuer Wohnquartiere in einer schwer zerstörten Stadt. Dem folgte ein Bedürfnis nach Ausweitung der kirchlichen Versorgung. So entstand zu Beginn der 1960er Jahre auch im Bergl mit seinen bald gut 11000 Einwohnern eine neue katholische Gemeinde.

Für sie wurde durch das Bischöfliche Ordinariat Würzburg ein Wettbewerb für ein Pfarrzentrum ausgelobt. Unter sieben eingeladenen Architekten gewann der Schweinfurter Heinz Günther Mömken, nach dessen Plänen der Bau ab 1962 erfolgte. Man errichtete Pfarrsaal mit Bühnenraum, Schwesternwohnung, Jugendräume, Kindergarten und Andachtsraum mit Vorkirche. Alles war von vier Seiten um einen Innenhof gruppiert.

Räumlich getrennt entstanden Pfarrhaus, Sakristei und Küsterwohnung. Erst im letzten Bauabschnitt wurde - 1964/65 - der eigentliche Kirchenbau mit freistehendem Beton-Glockenturm errichtet, der den Platz zwischen Gemeindebereich und Pfarrhof einnimmt. Zwei überdachte Zugänge, die in den Innenhof münden, erschliessen das Pfarrzentrum mit Kirche.

Die Kirche ist eine geostete Wegkirche mit auf sieben Stufen erhöhter Altarinsel. Innen wurde der zeltartige Bau mit vorgelagertem Andachtsraum (Werktagskapelle) in Sichtbeton, Holz und Naturstein gehalten. Erwähnenswert sind zwei große Betonglasfenster von Eberhard Sigel (München), Bronzearbeiten von Ludwig Bossle (Schweinfurt) sowie eine Madonna von Heinrich Söller (Schweinfurt) in der Kapelle. Gestalterisch wichtiges, verbindendes Element waren die drei  Aussenportalen der Kirche  und Betonwabenstruktur der Wandgestaltung.

Über die Zeiten erlebte das Bauensemble verschiedene Eingriffe. Dies führte zu  baulichen Widersprüchen und ästhetischen Mängeln.

Neues Konzept

Schließlich bat man die Architekten Brückner & Brückner, ein neues energetisches und gestalterisch-ästhetisches Gesamtkonzept zu entwickeln. In einem ersten Bauabschnitt - zum 50. Weihejubiläum 2012 - ging es um eine energetische Sanierung von Fassaden  an Kapelle, Kindergarten, (ehem.) Schwesternwohnung, Jugendbereich und Pfarrsaal - sowie zentrale Gebäudetechnik und eine Erneuerung des Pfarrsaals.

Das von den Architekten entwickelte Konzept zielt darauf, den ursprünglichen Charakter des Baukomplexes und seiner Fassaden denkmalschonend in die heutige Zeit zu überführen. Überlegungen, die prägenden Beton-Waben-Elemente zu erhalten, gestalteten sich bauphysikalisch und reinigungstechnisch leider als zu  problematisch. Da die Anlage - bisher - kein Baudenkmal darstellt, musste schließlich nicht an ihnen festgehalten werden.

So wurde für die Fassaden eine Pfosten-Riegel-Konstruktion mit Isolierverglasung entwickelt. Vorgestellte Lärchenholzplanken verleihen eine neue Struktur und Ordnung. Die an Sockel und Attika umlaufenden Bänder, die Klinkerfassaden und die   Tor-Elemente wurden als Merkmale des Bestands übernommen, das Farbkonzept allerdings verkehrt und Fenster- und Türlaibungen in der neuen Tiefe des Wandaufbaus zum Thema gemacht.

Den Pfarrsaal baute man geradezu auf den Rohbauzustand zurück, eine Umorganisation der inneren Raumstruktur machte den späteren Küchenanbau obsolet. Die Neustrukturierung des Pfarrsaals wurde aus den Betonunterzügen entwickelt, dabei wurde die gesamte Raumhöhe zur Wirkung gebracht - und die neue Technik unter der nun offenen, dunkel gehaltenen Decke installiert.

Mit der Sanierung des Pfarrzentrums Christkönig haben Brückner & Brückner Mut bewiesen, eine Architektur der hochwertigen Nachkriegsmoderne weiterzuentwickeln. Es wird der Geist dieses Büros spürbar, überkommene Architekturen zurückhaltend und doch offensiv in der Sprache heutiger Zeit fortzuschreiben. Verwiesen sei hier auch auf die Neugestaltung von St. Klara in Nürnberg (2007) oder die ambitionierte Erweiterung von St. Peter in Wenzenbach (2003).

Es wäre wünschenswert, dass bald  die nächste Bauphase an Angriff genommen würde. Sie betrifft dann den Pfarrhausbereich, eine denkmalgerechte Renovierung der Kirche und die Überarbeitung der Bodenflächen - ganz im Sinne der Umsetzung eines zukunftsweisenden Konzeptes für ein städtebaulich, architektonisch und künstlerisch anspruchsvolles Gesamtbauwerk.

(Von der Wüstenrot-Stiftung wurde die Maßnahme 2012 „… als gelungenes Beispiel für den behutsamen Umgang mit Architektur der 1960er Jahre …“ geehrt)

Text: Matthias Ludwig

Architekten: Brückner & Brückner Architekten, Tirschenreuth und Würzburg.

Bestandsfotos vom Architekturbüro brückner & brückner, Fotos nach der Sanierung von Jessica Siegel, Kirchheim.

Weitere Informationen: www.architektenbrueckner.de und www.sw-christkoenig.de

 

Zum Autor:

Dr. theol. Matthias Ludwig ist Freier Berater in der Entwicklung neuer Nutzungs-, Erhaltungs- und Gestaltungskonzepte für Kirchen und kirchliche Gebäude.  Studium Bauingenieurwesen, Theologie und Kunstgeschichte. 1991-96 wiss. Mitarbeiter am Institut für Kirchenbau und kirchliche Kunst der Gegenwart an der Philipps-Universität Marburg/Lahn. 1999-2001 Projektbetreuer bei der Stiftung zur Bewahrung kirchlicher Baudenkmäler in Deutschland, Hamburg/Hannover. Anschließend bis Anfang 2007 Assistent am Institut für Kirchenbau und kirchliche Kunst der Gegenwart, Marburg; hier auch Promotion zum Thema „Kirchen ohne Nutzung? Erfahrungen und Perspektiven für den künftigen Umgang mit Kirchengebäuden“. Zahlreiche Projekte, Vorträge und Veröffentlichungen zu diesem Themenbereich.

(www.kirchenbauten.info)



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