Ev. Kirchbautag und Institut für Kirchbau: St. Kamillus Mönchengladbach
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St. Kamillus Mönchengladbach

Die Kirche St. Kamillus in Mönchengladbach ist ein architektonisches Juwel von Dominikus Böhm aus der Wende zwischen den 20er und 30er Jahren des letzten Jahrhunderts. Stilelemente der Neuen Sachlichkeit und des Expressionismus verbindend, ist die Kirche als Teil eines Krankenhauses des Kamillianerordens mit  angeschlossenem Noviziat und Kloster gebaut worden. Mittlerweile gibt es hier nur noch einen Kamillianer und das ehemalige Asthmatiker-Krankenhaus war technisch veraltet. So wurden diverse Bereiche des Areals schon vor Jahren für andere Nutzungen erschlossen: Es entstanden ein Altenheim, eine Pflegeschule und eine Kindertagesstätte. Nachdem der mächtige Kirchenbau im Jahr 2014 profaniert worden war, veranlasste der neue Eigentümer des Geländes die Umgestaltung zu einem Kolumbarium.

In Abstimmung mit dem Denkmalschutz, den Nachfahren von Dominikus Böhm und der Kamillus Kolumbarien GmbH als Betreiber entwickelten die beauftragten bdmp-Architekten ein Konzept, das die von Böhm beabsichtigte Raumwirkung und die wesentlichen Bauelemente erhalten sollte und gleichzeitig möglichst viele Urnengrabstätten unterbringen könnte.

Der weitestgehende sichtbare Eingriff ist im Kircheninneraum auf der Nordostseite, dem Eingangsbereich, geschehen. Hier steigen in drei Etagen Emporen in die Höhe, wobei sich Böhm hier an  Innengestaltungen romanischer Westwerke angelehnt haben mag, wie es eines z. B. in St. Pantaleon in Köln gibt. Der Funktion nach ist es schon im Mittelalter nicht bloß eine das Langhaus abschließende Fassadengestaltung, sondern ein eigener Baukörper, der bestimmten Nutzungen dient. So fassten es auch bdmp-Architekten auf, als sie auf den Emporen Urnenwände installierten und Trauerbereiche schufen. Rundbogenarkaden als weiteres Zitat der Romanik sind aussen wie innen ein wiederkehrendes Gestaltungselement, ebenso bei der Rhythmisierung der Emporen. Die Emporenfläche  wurde in den Kirchenraum hinein erweitert, um mehr Platz für die Urnen zu gewinnen. Dafür wurde eine reversible Stahlkonstruktion eingesetzt und ein neuer Bodenbelag eingefügt. Die Brüstungen der Etagen sind verglast, um die Rundbögen der Arkaden, die ja für Böhm den ornamental durchbrochenen, belichteten Raumabschluss bildeten nicht völlig zu verdecken.

Die Urnenwände selbst sind an den tragenden Wänden und Pfeilern entlang aufgestellt,  um möglichst wenig in die ursprünglichen Raumstrukturen einzugreifen. Sie sind in einem quadratischen Raster gegliedert, das sich in  Teilen der Umgebung wie den von Böhm gestalteten Glasfenstern, der kassettiertenHolzdecke oder dem Bodenbelag wiederfinden läßt. Die Front der einzelnen Urnenfächer ist verschlossen mit Marmor oder brüniertem Messing. Um den Schrankwänden etwas von ihrer Hermetik zu nehmen, sind sie auf interessante Weise illuminiert. Der durch verschieden dünn geschnittenen Marmorverkleidungen fallende Lichtschein der Urnenfächer schafft eine dezente, warme Helligkeit. An die 2800 Urnenkammern gibt es in St. Kamillus. Diese sollen für die nächsten 4-5 Jahre reichen.

Von den Emporen aus wird der Blick über den langgestreckten Kirchenraum zum halbrunden Chorbereich geführt. Böhm senkte die hölzerne Kassettendecke leicht ab in Richtung Altar, und erhöhte so die optische Sogwirkung hin zu dem Hochaltar mit Figurenschmuck. Hinterfangen wird der Chorbereich von einem Halbrund aus raumhohen Fenstern. Böhm hat sie entworfen und umgesetzt aus einer Mischung von Antik, Industrie-und Bleiverglasung, durchsetzt von schlichten geometrischen Ornamenten. Hell sollte dieser Glasvorhang sein, ohne zu überblenden und ohne Durchblick nach draußen. Eine imposante Treppenanlage dominiert diesen  Scheitelpunkt des Raumes, man steigt quasi hinauf zum Licht.

Obwohl ein visueller Zielpunkt im Raum, wurde an dem hochaufragenden, figurenbewehrten, entrückt platzierten Steinaltar von Dominikus Böhm wahrscheinlich schon zu Kloster- und Krankenhauszeiten nicht oft zelebriert. Ein unauffällig designtes Tischmöbel und ein Pult  wurden nah der Gemeinde aufgestellt und können heute dort weiter genutzt werden. Statt einer Kanzel sitzt nun die Orgel an der Wand zum Seitenschiff, denn sie musste den Urnenschränken auf der Empore weichen. Sie kann auch hier untern gespielt werden und findet weiter Verwendung bei Trauerfeiern.

Über ein Seitenschiff kann man hinuntersteigen in die Krypta unter dem Chorbereich, die als bergende Rundung angelegt ist, gut vorstellbar für kleinere Gruppen als Abschiedsraum, zur Andacht und vom Raumempfinden her ein Kontrapunkt zum hoheitlichen langgestreckten Raum darüber. Hier, im Untergeschoss mündet auch der neue barrierefreie Zugang von den Aussenanlagen her und man erreicht hier den neu installierten Aufzug in die Emporenbereiche.

Von aussen beeindruckt die schiere Größe des Gebäudes. Eine monumentale Eingangssituation mit opulenter Freitreppe führt auf ein fast schon manieriert gelängtes und gestaffeltes Rundbogentor zu, geschmückt mit einer Mosaikarbeit. Der hochaufragende Baukörper mit der dunklen Ziegelsteinfassade ist ein monolithischer Korpus, der Würde und Haltung verlangt, aber auch Halt und Schutz geben kann.

Eine solche Architektur mit kultischen Qualitäten steht an sich konträr zu Nutzungsoptimierung und Zweckmäßigkeit. Gerade der verschwenderisch großzügige Umgang mit Raum macht die Wirkung und den Charakter dieser Architektur aus.  Deshalb haben die Architekten und Bauherren gut daran getan, so wenig wie eben möglich in die Raumvolumina einzugreifen und der Denkmalpflege folgend, die Um- und Einbauten reversibel auszuführen. Insgesamt passt die Nutzung als Grabeskirche atmosphärisch und stilistisch gut zu diesem monumentalen Kirchenbau von Dominikus Böhm. (Claudia Breinl)

bdmp Architekten Mönchengladbach www.bdmp-architekten.de

Abbildungen:

Abb.1: wikimedia commons

Abb.2,3,4: Gisbert Fongern

Abb. 5-8:©Jörg Hempel  www.joerg-hempel.com

 

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