Ev. Kirchbautag und Institut für Kirchbau: St. Sebastian Münster
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St. Sebastian Münster

Die 1962 (Architekt: Heinz Esser) erbaute Kirche St. Sebastian in Münster war bereits zum Abriss freigegeben. Die Gemeinde hatte einen Architekten- und Investorenwettbewerb ausgeschrieben für die Bebauung des Grundstücks. Der Wettbewerb sah die Planung von Wohnungen und einer Kindertagesstätte vor - der Erhalt des Kirchenbaus war darin nicht vorgeschrieben und eigentlich nicht vorgesehen.

Doch es gab unter den Teilnehmern des Wettbewerbs Architekten, denen die Symbolkraft  und die städtebauliche Rolle des Kirchenbaus imponierten. Die Münsteraner Architekten BOLLES + WILSON schlugen den Erhalt der Kirche vor und gewannen nicht zuletzt damit den Wettbewerb.

Sie entwickelten eine Innenraumgestalt, die das organisch Anschmiegsame der Ellipse ins Spielerische überführt. Das ursprüngliche Dach wurde wegen statischer Probleme durch Querbalken aus Brettschichtholz ersetzt. Mit viel mehr Licht als zuvor, gewonnen  durch Oberlichtbänder können die weiträumigen (500 qm) Spiel- und Tobeflächen die Ungebundenheit einer Draußen-Situation suggerieren. Das mystische Halbdunkel des alten Kirchenraumes wäre ohnehin für die neue Nutzung ungeeignet gewesen. Eine luftige Leichtigkeit und helle Freizügigkeit ist nun der Charakter der Innenräume. Das überaus großzügige Raumvolumen ist ein Plus der Kirche für ihre neuen Nutzer. Es konnte ein zweigeschossiger Einbau für mehrere Gruppenräume und Sanitärbereiche eingefügt werden. Dessen Decke sind weitere Spielflächen in luftiger Höhe und mit Rutsche vom obersten Spieldeck auf das Dach des Erdgeschosses. Die Architekten konnten sich gut in die kleinen Bewohner hineindenken. Quietschgrüner Bodenbelag macht agil und Straßenleuchten verweisen auf Sportplatz und freies Draußensein. Weiße überdimensionale Bodenintarsien (Hand und Fuß) inspirieren zum Balancieren und zu selbsterdachten Spielen. Etwas Notwendiges wie die Akustikplatten an den Wänden wurden als dekorative Elemente genutzt und erhielten gepixelt abstrahiert die Umrisse von Schlange, Krokodil und Elefant.

Die Ziegelfassade von St. Sebastian war regelmäßig durchbrochen von quadratischen Fenstern. Sie ermöglichen nun durch Öffnung eine gesunde Querlüftung. Im Winter kalt, im Sommer angenehm temperiert, können die Kinder ganzjährig und auch bei Regen an der frischen Luft spielen.

Von außen blieb die in ihrer Konsequenz auch strenge Ellipse, die etwas Wehrhaftes und Festungsähnliches ausstrahlt. Um diese Hermetik aufzulockern, wurden im Erdgeschoss  große Fenster und prägnante Eingangssituationen geschaffen. Zusammen mit der Außenanlage, die Wege, Beete und Spielplätze in schwingenden, der Ellipse verwandten Formen gestaltet, signalisieren sie den Rollenwandel der Kirche.

Zur Straße vorgelagert ist ein keilförmiger flacher Gebäuderiegel angedockt. Hier befindet sich der Haupteingang der Kindertagesstätte. Küche und Verwaltung sind hier untergebracht. Ein Mehrzweckraum darin kann unabhängig von der KITA von Bürgern genutzt werden. Über ein verglastes Verbindungsstück gelangt man von diesem straßenseitigen Anbau in den ehemaligen Altarbereich der Kirche, der durch ein ungewöhnliches pyramidales Fenster belichtet wurde, das sich wie selbstverständlich in die neue Architektursprache integriert.

Seit ein Rechtsanspruch auf einen Kinderbetreuungsplatz besteht, gab es für leerstehende Kirchen schon hier und da die Chance einer solchen Umnutzung. Die Szenerie der „Bauten im Bestand“ kann hier interessante Projekte vorweisen. Der hier beschriebene 2011-13 durch die Münsteraner Architekten BOLLES+WILSON realisierte Kirchenumbau von St. Sebastian befindet sich also in guter Gesellschaft.

Die erste explizit für Kinder umgebaute Kirche war wohl die St. Eliaskirche (1910)  in Berlin, aus der das „MachMit Museum wurde (2003). 2007 wurde die historistische Bernburger Martinskirche (1887) zu Hort, Kindergarten und Grundschule umgestaltet, die Bethlehemkirche Hamburg aus den Jahren 1958/59 wurde 2010 für Kindergartennutzung umgebaut, die Christ-König-Kirche in Düsseldorf-Oberkassel aus den späten 20er Jahren wurde 2013 zu Kindertagesstätte und Familienzentrum, die jüngste der Kindergartenkirchen ist die St. Pauluskirche (1963) in Quakenbrück, die 2015 fertig wurde.

Text: Claudia Breinl

Ursprungszustand Foto: © Sabine Ahlbrand-Dornseif & Rudolf Wakonigg,  alle anderen Fotos: Markus Hauschild

© BOLLES+WILSON



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