Ev. Kirchbautag und Institut für Kirchbau: St. Trinitatis Leipzig
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St. Trinitatis Leipzig

Mit der Neuen Propsteikirche St. Trinitatis ist der größte katholische Kirchenneubau im Osten Deutschlands im Mai 2015 durch Bischof Dr. Heiner Koch geweiht worden. In einem Wettbewerb hatte sich das Leipziger Architekturbüro Schulz und Schulz mit einem kantigen, geschlossenen Bau durchgesetzt. Überzeugen konnte dieser, da er „selbstbewusst, aber nicht protzig“ ein Zeichen der Präsenz der katholischen Gemeinde setzt.

„Ein Ausdruck des Unrechts“: Bau- und Gemeindegeschichte

Die Neue Propsteikirche ist die dritte St. Trinitatis Kirche die seit dem 19. Jahrhundert in Leipzig gebaut wurde. Als einzige katholische Kirche im Stadtzentrum wurde die erste St. Trinitatiskirche 1847 errichtet und im zweiten Weltkrieg zerstört. Unter den stadtplanerischen Idealen der SED Regierung wurde ein Kirchenneubau nur außerhalb der Innenstadt genehmigt. Er wurde 1982 im Waldstraßenviertel umgesetzt. Propst Gregor Giele, beschreibt jedoch auch

„[...] einen emotionalen und zugleich symbolischen Aspekt. Dieser Bau am Rosenthal ist für die Gemeinde in vielerlei Hinsicht ein Ausdruck des Unrechts, das ihr widerfahren ist: Nicht im Stadtzentrum sein zu dürfen und eine Kirche mit der Auflage bauen zu müssen, dass diese nicht als Kirche erkennbar ist.“

Der Architekt H. Ullmann setzte die widerstreitenden  Ansprüche der Gemeinde nach kirchlicher Formsprache und der sozialistischen Regierung nach unauffälliger Zweckmäßigkeit mit einen kubischen, stahlskelettgestützten Baukörper um. Ein freistehender Campanile sollte den Bau als Kirche kennzeichnen, obwohl Türme („Turmrede“ 1953, Walter Ulbricht) als erkennbar kirchliche Bauelemente kritisiert wurden.

Bereits kurz nach der Weihe kam es durch Wassereinbrüche zu Fundamentschäden: „So gesehen sind die Bauschäden, die uns zum Umzug veranlassten, ein Segen Gottes“ berichtet der Propst der Neuen Trinitatiskirche.

Ein geschlossener Bau mit offener Formsprache

Von der Stadt aus erreicht man die Neue Propsteikirche an ihrer Nordseite. Der dreieckige Baukörper verbindet die Kirche mit dem Gemeindezentrum und umschließt den Pfarrhof. Die verbindenden Flügel sind in unterschiedlichen Winkeln angesetzt — Verschiebungen und Ausschnitte, die den Bau prägen.

In Richtung des Neuen Rathauses ist das Erdgeschoss bis zum Kirchturm an der Westseite ausgespart. Dies führt zur Besonderheit des Baus: einer fast 60 Meter langen Auskragung die den Gehweg überspannt. Als Öffnung des ansonsten fast geschlossenen Baukörpers führt diese unter der stützenfreien Passage hindurch in den Pfarrhof.

Der Weg führt an dem Kirchenfenster im Erdgeschoss entlang: Auf 22 Metern Länge zeigen drei voreinander liegende Glasscheiben den Text des Alten und Neuen Testaments. Auf der inneren Schreibe ist „Am Anfang war das Wort“ angebracht. Von der Jury ausgewählt wurde der Entwurf von Falk Haberkorn da dieser — wie ein „Schaufenster“ — zum Pfarrhof hinführt und transluzent Kirchenraum und Stadt verbindet.

Niedrigschwelligkeit und Orientierung

Durch den Pfarrhof und einen verglasten Vorraum in der Kirche angekommen, erscheinen hier Niedrigschwelligkeit im Zugang und Orientierung an der Nutzung formgebend. Der weiß verputzte Innenraum öffnet sich zu einer Deckenhöhe von 14,5 Metern. Zu Seiten des Altars befinden sich die Empore, die Nische zur Marienverehrung und die Werktags- und Sakramentskapelle. Die Banksegmente sind quer um den Altar im offenen Circumstantes platziert. Niedrigschwellig soll auch der Zugang zum Altar sein — als „Aufhebung der Trennung zwischen Priester und Gemeindebezirk“ entsprechend des zweiten Vatikanischen Konzils. Die Verwendung von Travertin und Eichenholz kreiert einen ruhigen Raumcharakter. Dieser wird durch die Liturgischen Orte von Jorge Pardo (Los Angeles) in roter und oranger Ornamentik akzentuiert.

Sichtbares und Unsichtbares „Licht aus der Höhe“

Die Blickführung in der Kirche ist auf das Geschehen am Altar gerichtet. Auf dieses fällt von einer nicht sichtbaren Quelle Zenitlicht. Im Interview erklärt Ansgar Schulz, das „Licht aus der Höhe“ (ein verdecktes Oberlicht) soll den Raum strukturieren und zum Altar hin orientieren. Sichtbar wird zeitweise noch ein zweites Kreuz an der Altarwand. Die Form des griechischen Altarkreuzes wird von einem Fenster über der Empore aufgegriffen: Scheint Licht von Westen hinein, strahlt die Kreuzform durch das Kirchenschiff bis zur Altarwand. Licht wird zum immateriellen, künstlerischen und räumlichen Gestaltungsmittel.

Nachhaltigkeit als kirchliche Bauaufgabe

Ein symbolträchtiges Gestaltungsmittel ist die Materialwahl des Mauerwerks aus Rochlitzer Porphyr. Neben der Tradition im Sakralbau ist das rötliche Vulkangestein ein regionaler Baustoff, der bereits an den Fenstergewänden von Wohnhäusern, am Alten Rathaus (1556) in Leipzig und an der Klosterkirche in Wechselburg (1168) Verwendung fand. „Wir wurden von unseren Projektpartnern gut beraten, die uns deutlich gemacht haben, dass gerade im Sinn der Nachhaltigkeit werthafte Materialien mit einer langen Lebenszeit zu wählen sind – auch wenn das manch einen dazu verleiten mag, ‚Die haben sich aber was gegönnt!‘ zu sagen.“

Werthaftigkeit und ein innovatives Nachhaltigkeitskonzept stellten neben der zeitgenössischen Formsprache Anforderungen des Wettbewerbs dar. Unter dem Motto „Gottes Schöpfung bewahren – auch beim Bauen“ wurde Energieeffizienz und Tierschutz zur Bauaufgabe. Schulz und Schulz setzten dies durch eine Heizanlage mit Erdwärme und einer Fotovoltaik Anlage auf dem Kirchendach um. Der über 50 Meter hohe Kirchturm ist nicht nur repräsentativ, er beherbergt neben einem Regenwasserspeicher auch ein Turmfalkenquartier.

Identitätsmarker in der Stadt

Die wachsende katholische Gemeinde der Propsteikirche zählt 4.500 Mitglieder. Da dies unter 5% der Leipziger Bevölkerung sind nennt sie sich eine „Diaspora-Gemeinde“:„Ein Kirchenneubau in Zeiten, in denen Gemeinden zusammengelegt, Kirchen geschlossen oder umgewidmet werden, ist ein Zeichen christlichen Zukunftsvertrauens. Doch in einer glaubensfernen Umgebung wie in Leipzig hat dieser Neubau eine besondere Strahlkraft.“

Nachdem diese Strahlkraft bereits mit der zweiten Trinitatiskirche als größter katholischer Bau im Osten Deutschlands erhofft wurde, konnte sie mit der Neuen Propsteikirche umgesetzt werden.

Benennt Jan Friedrich den ersten Kirchenbau des Büros Schulz und Schulz als „städtebauliches Bravourstück“ so meint er damit wohl auch die Verbindung verschiedener symbolträchtiger Bezüge in Gestaltung und Platzierung. Die Neue Propsteikirche befindet sich nicht nur im Stadtzentrum, sondern nur wenige hundert Meter vom ehemaligen Standort der ersten Trinitatiskirche entfernt. Bedenkt man ihre Geschichte so setzt die Neue Trinitatiskirche die Identität einer „selbstbewussten, aber nicht protzigen“ Gemeinde gekonnt ins Stadtbild zurück ohne ihre Historie auszublenden. Ohne Kompromisse konnte dieses Konzept in eine kirchliche Formsprache umgesetzt werden.

Text: Celica Fitz/Fotos: Stefan Müller, ©Schulz und Schulz Architekten (www.schulz-und-schulz.com)

Architekten: Schulz und Schulz Leipzig, Ansgar Schulz, Benedikt Schulz, Mitarbeiter: Christian Wischalla, Bodo Roßberg, Lothar Wolter, Matthias Hönig, Karsten Liebner, Peter Gaffron, Jana Gallitschke, Sandra Nestroi, Florian Heiland, Stefan Weiske, René Büttner, Thomas Gohr. Künstlerische Gestaltung: Jorge Pardo, Los Angeles, (Liturgische Orte), Falk Haberkorn, Leipzig (Kirchenfenster), Bauherr: Katholische Propsteipfarrei St. Trinitaits, Leipzig.

 

Abbildungen:

Abb. 1: Zweite Propsteikirche St. Trinitatis, Leipzig, 1982, Quelle: upload.wikimedia.org

Abb. 2 – 9: Neue Propsteikirche St. Trinitatis, Architekten: Schulz und Schulz, Fotograf: Stefan Müller, www.schulz-und-schulz.com

Literatur und Quellen:

Bartetzky, Arnold, Der Bauherr. Interview mit Propst Gregor Giele, in: Bauwelt 27.2015, S. 26-28. Scheffler, Tanja, An den Rand gedrängt. Die zweite Trinitatiskirche in der Emil-Fuchs-Straße, in: Bauwelt 27.2015, S. 24-26.

Friedrich, Jan, Zurück in die Stadt. Die neue Propsteikirche ist ein städtebauliches Bravourstück, in: Bauwelt 27.2015, S. 14-20.

Stock, Wolfgang Jean, Ins Licht. Der Kirchenraum von St. Trinitatis, in: Bauwelt 27.2015, S. 20-24.

www.propstei-leipzig.de

 

 



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