Ev. Kirchbautag und Institut für Kirchbau: Das Auge des Architekten
  //  wo's brennt
suche   //   intern   //   drucken
x
Egon Eiermann | Verwaltungs- und Ausbildungszentrum der Deutschen Olivetti, Frankfurt a. M., 1968-1972 | Aufnahme 1974 © KLAUS KINOLD
Otto Steidle, Doris Thut, Ralph Thut | Wohnanlage Genter Straße, München, 1969-1971 | Aufnahme 1972 © KLAUS KINOLD
Walter Gropius | Bauhaus Dessau, Haupttreppenhaus, 1925/26 | Aufnahme 1988 © KLAUS KINOLD
Herzog & de Meuron | Sammlung Goetz, Haus für eine zeitgenössische Kunstsammlung, München, 1991/92 | Aufnahme 1995 © KLAUS KINOLD
Le Corbusier | Kloster Sainte-Marie-de-la-Tourette, Eveux-sur-L'Arbresle, Frankreich, 1957-1960 | Aufnahme 1987 © KLAUS KINOLD
Joze Plecnik | Herz-Jesu-Kirche, Prag, Tschechische Republik, 1928-1932 | Aufnahme 2005 © KLAUS KINOLD
Louis I. Kahn | Salk Institute, La Jolla, Kalifornien, USA, 1959-1965 | Aufnahme 1998 © KLAUS KINOLD
Alvar Aalto | Hörsaalgebäude der Technischen Hochschule Otaniemi, Finnland, 1960-1964 | Aufnahme 1989 © KLAUS KINOLD
Das Auge des Architekten
Klaus Kinold in München

Zur großartigen Ausstellung des Fotografen Klaus Kinold in der Pinakothek der Moderne

 

von Wolfgang Jean Stock

 

             Der klassischen Architekturfotografie ergeht es ähnlich wie der traditionellen Qualitätszeitung. Beiden wird immer wieder der absehbare Untergang prophezeit, doch beide sind nach wie vor ziemlich kräftig am Leben. Was aber ist unter „klassischer“ Architekturfotografie zu verstehen? Ihr erstes Merkmal ist, dass sie überwiegend schwarz-weiß auftritt. Zur Überraschung vieler, die sich Architektur nur noch in bunten Bildern vorstellen können, pflegen auch zeitgenössische Fotografen die bewährte Tradition – weil ihnen bewusst ist, dass solche Aufnahmen anders und viel intensiver gelesen werden. Das Auge des Betrachters wandert durch die Bilder und imaginiert dabei die „fehlenden“ Farben, ob einer besonderen Lichtsituation oder eines bestimmten Materials. Zum Zweiten bemüht sich die klassische Architekturfotografie um Objektivität. Deshalb vermeidet sie willkürliche Standpunkte oder verzerrte Perspektiven. Der Fotograf soll sich nicht selbst mit „spektakulären“ Ansichten in Szene setzen, sondern dem Betrachter den Charakter eines Gebäudes möglichst unverfälscht vermitteln. Daraus folgt zum Dritten:

             Diese Fotografie will dem Architekten und seinem Bauwerk dienen.

            Der in München lebende Fotograf Klaus Kinold zählt zu den klassisch arbeitenden Lichtbildnern. Dass ihm jetzt Winfried Nerdinger im Architekturmuseum der TU München eine große Ausstellung eingerichtet hat, hängt nicht nur mit seinem kommenden siebzigsten Geburtstag zusammen – Kinold gehört zu den bedeutendsten Architekturfotografen der Gegenwart. Zum anderen blicken er und das Museum auf eine langjährige Zusammenarbeit zurück, denn für mehrere Kataloge hat er neue Bilder historischer Bauten aufgenommen. Die Ausstellung in der Pinakothek der Moderne kann aber auch Missverständnisse ausräumen, denen die Architekturfotografie ausgesetzt ist. Wenn etwa Günther Förg moderne Bauten in Italien oder Israel aufnimmt, dann entstehen keine eigentlichen Architekturbilder, sondern gewagte Interpretationen eines Fotokünstlers. Oder wenn vorzugsweise jüngere Fotografen sich ganz unbekümmert Gebäuden nähern und dabei mehr auf Personen achten als auf die Bauwerke selbst, dann kommt bloße Alltagsfotografie heraus.

             Klaus Kinold unterscheidet von seinen meisten Kollegen eines: Er ist ausgebildeter Architekt.

1939 in Essen geboren, lernte er an der Karlsruher Hochschule bei Egon Eiermann, jenem Meister des Stahlbaus, der seine Studenten zu Klarheit und Präzision führen wollte. Kinold ließ sich führen – und entwickelte dabei als fotografischer Autodidakt seine Haltung einer schnörkellosen Architekturfotografie. Eiermann wurde denn auch sein erster Auftraggeber, als dieser ihn sein markantes Olivetti-Gebäude in Frankfurt am Main dokumentieren ließ. So begehrt und schließlich berühmt Kinold im Verlauf von nunmehr fünfunddreißig Jahren wurde – zuweilen haben seine Arbeiten auch ganz falsche Ansprüche an die Architekturfotografie ausgelöst. Dass sie ein Bereich der Sachaufnahme ist und nicht der gesellschaftlichen Reportage, leuchtet manchen nicht ein. Nach deren Meinung sollten stets Menschen aufs Bild, beispielsweise Angestellte in Bürobauten. Solches „Menscheln“ lehnt Kinold ab. Ihm geht es um die qualitative Kraft von Architektur, um Bauwerke mit einem humanen Maßstab. Solche Gebäude benötigten keine Menschen als Staffage, weil sich ihr Gebrauchswert ohne Beiwerk mitteile, weil man sich die Nutzer oder Besucher im Kopf hinzu denke. Und wer genau hinschaut, wird bemerken, dass Kinold immer dann Menschen im Bild hat, wenn sie schlicht vorhanden sind.

            „Ich will Architektur zeigen, wie sie ist“, lautet sein Leitsatz.

Jeder Autor, der mit ihm an gemeinsamen Projekten gearbeitet hat, wird bestätigen, wie ernst Kinold nimmt, was er in einem ausführlichen Interview gefordert hat: „Architekturfotografie erfüllt eine Aufgabe – das Erklären von Architektur und das Offenlegen von Zusammenhängen. Sie soll das Gebäude zeigen, wie es sich dem Betrachter in der Realität jederzeit darstellt. Der einzigartige Moment, das einmalige Licht, der artistisch riskante Blickpunkt sind hier gerade nicht die Voraussetzung für ein gelungenes Bild. Sie verzerren die architektonische Aussage und gängeln den Betrachter.

             "Ein gutes Bild sollte möglichst viel über die Architektur vor der Kamera und weniger über den Menschen hinter der Kamera aussagen.“

            Diese Haltung lässt sich nun in der Ausstellung an nahezu 130 Bildern aus seinem veritablen Lebenswerk überprüfen. Fotoausstellungen fallen nicht selten langweilig aus: Da reihen sich gleich große Formate einfach den Wänden entlang. Im Kontrast dazu ist in der Pinakothek zu erleben, wie großartig eine solche Schau gestaltet werden kann – auch durch starke Farben, aber ohne inszenatorische Mätzchen. Zusammen mit den hohen Raumteilern verleihen die unterschiedlich großen Bilder den drei Sälen einen schönen Rhythmus. In den Mittelzonen stehen große Vitrinen mit Kinolds Veröffentlichungen, darunter seine eigenen Zeitschriften wie etwa die internationale Revue „Bauen in Beton“. Dies weist darauf hin, dass er weitgehend als Auftragsfotograf mit einer pädagogischen Leidenschaft gearbeitet hat, denn l’art pour l’art ist seine Sache nicht. Dazu gehört auch, dass er nach wie vor analog arbeitet, Farbe zurückhaltend einsetzt und digitale Manipulationen ablehnt.

            Im ersten Raum der Ausstellung führen die Aufnahmen von vier Bauten prominenter Architekten Kinolds Schaffensweise vor Augen, seinen Anspruch, das Wesentliche von Gestalt, Konstruktion und Raum zu erfassen: beim Kloster La Tourette von Le Corbusier und dem Salk Institute von Louis Kahn wie bei den Apollo-Schulen von Herman Hertzberger und dem Olivetti-Gebäude seines Lehrers Egon Eiermann. Der zweite Raum zeigt zahlreiche Höhepunkte der europäischen Architektur im zwanzigsten Jahrhundert, darunter etliche Kirchen – die Liste der Baumeister reicht von Tadao Ando bis Luigi Snozzi. Den letzten Raum prägen zum einen suggestiv wirkende Panoramabilder, die Kinold ohne Auftrag geschaffen hat, Bilder von Landschaften oder von der bei ihm in einer wuchtigen Diagonale ansteigenden Treppe im Schlosspark von Versailles. Gegenüber sind die fotografischen Früchte von Exkursionen der TU München zu sehen, die Kinold begleiten konnte. Weil diese in den späten achtziger Jahren auch in die DDR sowie nach Moskau und Leningrad führten, sind Kinolds dortige Aufnahmen längst Zeugnisse einer versunkenen Welt.

             Am Ende der Ausstellung wird Alvar Aalto mit Bildern gewürdigt, die während eines Symposiums entstanden. Über diese Gruppe schreibt Winfried Nerdinger im Katalog: „Zu Finnland und im Besonderen zu Aalto hat Kinold eine enge Beziehung, die Architektur begeistert ihn und das Werk des größten finnischen Baumeisters hat er intensiv studiert. Die entspannte und anregende Atmosphäre des Symposiums führte zu einigen Fotografien, die Aaltos Werk in einer Weise erfassen, dass die humane Architektur des Meisters auch im objektivierten Bild ihre soziale Qualität ausstrahlt.“

Um solche Bilder zu erreichen, braucht man wohl das Auge des Architekten.                               

Ausstellung „Klaus Kinold – Der Architekt photographiert Architektur“ ist in der Pinakothek der Moderne München bis 31. Mai 2009 zu sehen. Der attraktiv gestaltete Katalog kostet im Museum 22 Euro.



  //  Kirchenpädagogik  //  Kirchenkulturkongress 2011  //  Architektur Flash  //  Trauerhalle Bessenbach  //  Kirchen im Dorf lassen  //  Schnittstellen  //  Artheon-Kunstpreis 2008  //  Interview mit Daniel Libeskind  //  Kirche im Schrittempo  //  Matthäuskirche Frankfurt  //  Werkstatttage in der Jugendkirche  //  Das Auge des Architekten  //  Meissener Auferstehung  //  Institutskalender 2010  //  Archiv
   evangelischer Kirchbautag und Institut für Kirchenbau und kirchliche Kunst der Gegenwart