Ev. Kirchbautag und Institut für Kirchbau: Christenkreuz und Hakenkreuz
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Christenkreuz und Hakenkreuz
von Reinhold Mann
Kruzifix, Hermann Möller, Martin Lutherkirche, Berlin Mariendorf
Martin Lutherkirche, Berlin Mariendorf
Reformationsgedächtniskirche, Nürnberg-Maxfeld (1938)
Glocken, Ev. Weihnachtskirche, Berlin-Haselhorst (1940)

Wer Macht hat, baut nicht zu knapp 

Ausstellung vom 22. Januar – 20. März 2009,  Wittelsbacherplatz 2, 80333 München, Öffnungszeiten: Mo.-Fr. 14-18 Uhr, Katalogbuch 15 €.

Die Deutsche Gesellschaft für christliche Kunst  zeigt den monumentalen Kirchenbau zwischen 1936 und 1939. Eine Ausstellung von Stefanie Endlich, Monica Geyler-von Bernus und Bete Rossie für das Berliner Forum für Geschichte und Gegenwart e.V. Die Fotos stammen von Mechthild Wilhelmi. Die Ausstellung beleuchtet wie sich Christen auf den Nationalsozialismus eingelassen haben.

Kirchenglocken mit Hakenkreuz, Mutterkreuz-Propaganda auf dem Taufbecken, ein SA-Mann, der dem blonden „deutschen Christus“ lauscht, als Kanzelschmuck: Es ist ein erstaunliches Bildprogramm, das hier zu sehen ist. Und ein erstaunliches Thema: „Christenkreuz und Hakenkreuz“. Die Ausstellung hat bei der Deutschen Gesellschaft für christliche Kunst (DG) in München ihre zweite Station. Blieb sie in Berlin noch im Schatten überregionaler Aufmerksamkeit, so wird sich das ändern: Denn der knappe wie brillante Katalog ist erst jetzt verfügbar. Er stellt nicht die Architektur in den Mittelpunkt, sondern die Verbindung zur Kirchengeschichte.

Und das bewundernswert konzentriert und präzise: Wie Zwiebelringe erschließen die Aufsätze ausgehend von Kirchenbau und Sakralkunst das Verhältnis der Konfessionen zum Nationalsozialismus. Die landläufige Vorstellung, wonach Christen neutrale, resistente oder verfolgte Gruppen bildeten, lässt die Forschung seit der Arbeit des Tübinger Theologen Klaus Scholder (1977) so pauschal nicht gelten: „Es bedurfte 1933 keines Zwanges, keines Angriffs von außen: der Protestantismus öffnete dem Nationalsozialismus bereitwillig, vielfach fasziniert, die Tore“.

Das Ressentiment gegen die „Gottlosenrepublik“ der Weimar Zeit, der man allerlei zersetzende demokratische, liberale, marxistische und jüdische Einflüsse vorhielt, war auch in Kirchenkreisen verbreitet. Man liest im Katalog, wie Priester, Laien, religiöse Bewegungen, Landeskirchen den Kontakt zu Hitler suchten. Auch bei Katholiken konnte der Nationalsozialismus zum Bezugspunkt werden, gerade wenn es um innerkirchliche Reformen ging. Die Forderungen, die Menschen theologisch im Leben abzuholen, setzten beim Gemeinschafts- und Fronterlebnis der Kriegsgeneration an. „Was die Liturgie für die Religion, ist der Faschismus für die Politik“: So die Formel des Abts Herwegen aus Maria Laach.

Wie kaum ein zweiter Architekt hat sich der aus Schwaben stammende Dominikus Böhm in die katholische Liturgiebewegung vertieft, der es um „Gemeinschaftskunst“ und ein „christozentrisches Gesamtkunstwerk“ ging. Das Deutsche Architekturmuseum hatte Böhm 2004 mit einer großen Ausstellung gewürdigt und gezeigt, wie er diese Ansätze im Kirchenbau umsetzte. Böhm (1888-1955) war wegweisend in den Zwanziger-, Dreißiger- und Fünfziger Jahren. In München ist jetzt zu nachzulesen, wie er sich nach 1933 orientierte: Seine modernen Spannbetonkonstruktionen rettete er mit einem Schuss Expressionismus in die Nazizeit hinüber, als er mit markanten, trutzigen Steinfassaden seine größten Kirchen baute. Die Fahnen, die auf seinen Zeichnungen auf die Kirchenpforten zuströmen, als bewegtes Gegenspiel zur konstruktiven Strenge der Entwürfe, erweisen sich aus der Sicht der DG-Ausstellung nun auch als Rituselement der nationalsozialistischen Deutschen Christen.

Im Nationalsozialismus wurden 900 Kirchen gebaut. Sie fügten sich stilistisch wie stadtplanerisch in die NS-Programmatik. Alles andere konnte die Bauaufsicht nach 1936 gemäß den „Richtlinien deutscher Baugesinnung“ kassieren. Der Kirchenbau war zumeist eine Folge des Siedlungsbaus, der in den Zwanzigerjahren an den Großstadträndern einsetzte. Nach 1933 wurde die Wohnungen nicht mehr nach Bedürftigkeit, sondern nach Gesinnung vergeben. Die Siedlung Augsburg-Hochfeld mit ihrer Canisius-Kirche ist in der Ausstellung ein Beispiel dafür: Hier wurden Arbeiter der Rüstungsindustrie untergebracht.

Welche Auswirkungen die NS-Siedlungspolitik für die evangelischen Landeskirchen hatte, entfaltet die Ausstellung an ihrem Musterbeispiel: der Luther-Kirche in Berlin-Mariendorf. Der Bau wurde in den zwanziger Jahren konzipiert. Zur Grundsteinlegung 1933 sieht man „Fahnen der nationalen Erhebung“. Beim Richtfest 1934 singt die Gemeinde das Horst-Wessel Lied. Die Vermengung von nationalsozialistischen und christlichen Symbolen erreicht bei der Innenausstattung einen einzigartigen Grad an Geschlossenheit.

Gerade in Berlin war die evangelische Kirche zwischen den nationalsozialistischen Deutschen Christen und der Opposition der Bekennenden Kirche Martin Niemöllers gespalten und zerrissen. Der Einfluss der Deutschen Christen schwankt je nach Gemeinde. Mancherorts beherrschen sie die Landeskirche, wie in Thüringen und Mecklenburg. Er ist im Norden größer als im Süden. Daher zeigt die Ausstellung ein Nord-Südgefälle bei Kirchen, die Christen- und Hakenkreuz zur Deckung bringen. Die württembergische Landeskirche ist lediglich mit einer Holz-Kirche im Heimatschutzstil vertreten. Hier war die Architektur weniger anfällig als die Theologie. Der Schlussbeitrag im Katalog beschäftigt sich mit dem Tübinger Dogmatiker Karl Adam (1876-1966) und seinem Nachlass im Diözesan-Archiv Rottenburg: Er sah die Christen nicht nur als Glaubens-, sondern auch als Blutsgemeinschaft.



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